Ich habe nur noch meine Seele – Benedikts Blog (2)

Ich habe nur noch meine Seele – Benedikts Blog

 

Benedikt bild

 

03.05.2016 (124)

Rückkehr

Gibt es einen besseren Zeitpunkt für den ersten Satz als den Augenblick, an dem man erfährt, dass man sein Leben im Gefängnis beenden wird?

 

02.05.2016 (123)

Nimmermehr

Die Leere ist nicht eingebildet oder eine schön dahergesagte Unterlage für Belangloses. Sie ist körperlich zu greifen in der Abwesenheit alles Kommenden. Gedanken und Gefühle sind ausgelöscht. Kein sich öffnender Boden weit und breit, der einen verschlucken würde zur ewigen Ruh, nachdem sich die Katastrophe zur Geltung gebracht hat. Kein Boden bebt. Alles ist da, wo es vorher war – nur bedeutet es nichts mehr. Staffage und Einband eines Buchlebens, das aufgehört hat, Leben zu sein. Stumpfe. Kolossale Tumbe. Ödnis. Dann nichts. Kein Hass, nicht mal Zorn. Nur Mitleid für die Brigade der Staatsschwächlinge, gegen deren Galvanik sich meine Zuckungen noch als Heldentaten ausnehmen. Wie traurig, wenn man sich nicht getraut, seiner Natur oder Bestimmung gemäß zu handeln.

Wie warm wird mir bei dieser Vorstellung der Stuhl, auf dem ich sitze und der mein letzter sein wird; der letzte zu meiner Benutzung – er gehört mir ja nicht. Ich fühle, dass ich lebte und das reicht für ein paar erkleckliche Zeilen. Für Zukünftiges müsste man weiterleben – deswegen schreibe ich soviel Überflüssiges. Aber das widerfährt dem Einsamen notwendig, weil sich alles wiederholt und die Einsamkeit alles bedeckt und erstickt, das Denken, Fühlen, Atmen. Mein Schicksal hatte mich für falsche Fassaden empfänglich gemacht und oft glaube ich eine Tarnung erkannt zu haben, die keine war. Jetzt aber ist es Zeit, den Zynismus zu begraben und das Herz nach außen zu kehren. Wenn man einmal akzeptiert hat, dass die Sprache der Dichter aus Ruinen entsteht, kann es für Aufrichtigkeit und Liebe nie zu spät sein. Alles Kommende wird dann Zugabe einer längst beendeten Vorstellung.

Feinsleibchen legt ihre Hand auf die meine. Sie streichelt mein Gesicht, während sie etwas im Schilde zu führen scheint, da mein Ohrläppchen aufgrund seiner Beschaffenheit allein die aufkommende, ihm zugewiesene Aufmerksamkeit nicht verdient hat, zunächst mit ihrem Blick. Sie trägt ein unbekanntes Parfum, und trotzdem hüllt sie mich weiter in ihren Duft von gestern Nacht. Füllt meine Lunge, füllt mich ganz aus. Hat mich in der Hand. Läßt mich stehen. Essenz zur Existenz. Ich pulsiere. Will in ihr sein, wie sie in mir. Eins. Ich öffene meine Augen und erkenne Feinsliebchen, zu einer Statue der Freiheit erstarrt, wie sie mir zuwinkt, und mich nimmermehr empfangen wird.

 

29.04-01.05.2016 (122)

Gratulation

Ich weiß, wann ich verloren habe. Neben den Kämpfen, die ich aus eigener Dummheit oder als Folge meiner Unaufrichtigkeit habe kämpfen müssen, habe ich nun auch diesen, in den ich gezwungen wurde, verloren.

Schweigend hat die Spinne ihr Opfer verspeist. Ihre Greif- und Beißwerkzeuge beglückwünsche ich zum Sieg. Verbunden mit diesem Glückwunsch ist mein herzliches Beileid an sie alle, die sie ihre Stärke verraten haben, indem sie einem Schwachen Unrecht antaten. Aber ein Sieg ist ein Sieg. Nach den Methoden fragt heutzutage niemand mehr.

Feiert schön und trinkt einen für mich mit! Ich werde in der Zwischenzeit versuchen, meine Schwäche nicht zu verraten.

 

28.04.2016 (121)

Brustdruck

Lange habe ich gerätselt, woran das ständige, physische Unwohlsein gelegen haben könnte. Lange habe ich mit äußeren Abläufen experimentiert und ihre Dosen in verschiedene Verhältnisse zueinander gesetzt – mehr gehen, weniger sitzen, mehr liegen, weniger die Luft betrachten. Lange habe ich Wahn, oder seine kleine Schwester Einbildung, nicht ausgeklammert. Beide sind überall um mich, warum sollten sie nicht auch in mir sein? Die das behaupteten, wären die wahrhaft Wahnhaften.
Seit einem Monat esse ich nichts mehr, was nicht ich auf den Teller gelegt hätte. Der Druck auf Brust und Kopf ist verschwunden. Durchaus beruhigend, die Praktikabilität seiner Paranoia so deutlich bestätigt zu bekommen.

 

27.04.2016 (120)

Allzuunmenschliches

Es liegt in der Natur der Sache, daß mannigfaltig schillernde Begriffe, die Zersplittertesß umfassend vereinen sollen, in aller Regel weniger als nicht bedeuten, weil sie nur Verwendung finden, wenn klar vor Augen Liegendes, einem höheren Interesse folgend, verschleiert werden soll. Stellt die Definition des ‚Menschlichen‘ bereits vor Probleme, nähern sich diese Probleme angesichts des ‚Unmenschlichen‘ der Unmöglichkeit. Neben Ver- und Umkehrungen alles Herzens in Sauereien, die in uns stecken, umfaßt sie über das Gegenteil das Beschriebenen hinaus, alles dem Menschen von Natur aus Fremde. Hündisches, Holzliches und Hypotheken.

Kaum eine menschliche Rotte fühlt sich in der Folge nicht zur Aufklärung berufen. Interessensgemeinschaften deutscher Schaffner (‚unmenschliche Temperaturen in den Abteilen‘) Krankenschwestervertretungen (‚unmenschliche Arbeitszeiten‘), internationale Sportmoderatorengewerkschaften (‚unmenschliche Bergetappe‘), Ethikkommissionen (‚Der Mensch ist ein Unmensch‘) und Staatsphilosophen (‚Der Mensch ist ein Wolf‘), liegen irgendwann so ineinander verheddert darnieder, daß wieder nichts anderes übrig bleibt, als ein Gericht über Voraussetzung, Inhalt und Ausblick des Unmenschlichkeitsbegriffs befinden zu lassen.

Die Klage des norwegischen Massenmörders gegen seine mutmaßlich (hat diese Wort irgendwann einmal irgend etwas bedeutet?) unmenschlichen Haftbedingungen bot nun die Gelegenheit das Knäuel zu entwirren. Unmenschlich ist nach dem jüngsten Urteil eines Osloer Amtsgerichts, einen bereits eingesperrten Menschen zusätzlich für drei Jahre von seinen Mitgefangenen zu isolieren. Schlafzimmer, Arbeitszimmer, Trainingsraum zu je zehn Quadratmetern, TV, Radio, (gefilteres) Internet und Telefon, Tageszeitung, Fernstudium, CDs, DVDs, Spielekonsole und Privatkleidung entschädigen nicht für den Entzug persönlicher Interaktion. Der Kontakt zum Personal heilt diesen Mangel nicht.

Der kleine Schreck, der Bayerns Repräsentanten der Strafjustiz auf diesen Richterspruch durchfahren haben mag, wich dem beruhigenden Wissen, daß hier niemand an die Rechtsprechung der skandinavischen Weicheier, die sich noch nicht mal in die EU trauen, gebunden ist. Puuh. Kein Mitglied unserer Wahrheitsbehörde wird die ungestellte Frage beantworten müssen, wie sich die norwegische Auffassung mit der hiesigen verträgt.

In der JVA Straubing werden Gefangene also weiter in nacktgefliesten Zellen ohne Stromanschluß und den genannten Kinkerlitzchen isoliert, mit absolutem Sprechverbot belegt und selbst dann nicht gelockert, wenn hauseigene Anstaltspsychiater kognitive und motorische Ausfälle attestieren. Störungen sind schließlich Sinn und Zweck des Ganzen, um den als gefährlich Beschworenen ungefährlich zu machen. Die Gefährlichkeit solch eines Isolierten beruhte nicht etwa auf 77-fachen Massenmord, sondern auf Schlüsselskizzen, die er angefertigt hatte. Seine Zeichnung zeigte einen Ausschnitt der Schlüssel, die mit einem Schlüsselbund zusammengefaßt, erst neulich auf einem Foto im Programmheft zur aktuellen Aufführung der Gefangenentheatergruppe abgebildet waren (Eintrag 112). Offizielle Öffentlichkeitsarbeit!

Kein Gericht oder Ministerium störte sich dagegen an den Umständen der Isolation unseres für fünf Jahre verschollenen Zeichners – im Gegenteil. Erst als alle Isolationszellen belegt waren, und seine für den Nächsten benötigt wurde, entfiel die Gefahrenlage plötzlich, ohne dass sich etwas geändert hätte – bis auf den Platzmangel. Derweil berichtete das Staatsfernsehen, wie Eichhörnchen aus Bäumen gerettet wurden. Auch eine menschliche Geste.

 

26.04.2016 (119)

Die Übrige

Wenn das Grauen in mir ist, und die Schönheit, die ich einst auf Kniee glückbereit mir setzte, zu entfernt für einen Kampf, brauch ich einen Gott.

Nein, schrillt der Dämon, was Du brauchst, sind Mohnfelder, in deren zartwärmenden Mitten ich Dich betten werde. Gott hat Dir doch vor langem schon sein Nichtsein offenbart. Sei nicht feig, ich weis‘ Dich hin, woher Du kamst – verdiene Dir den süßen Tod!

Wenn dann Grauen nur noch ist, und die Lanze Feigheit heißt, öffnet Echo ihren Kelch, die Schöne, einzig Übrige und spricht: Ob Du an den, der’s ist, glaubst, ist ihm völlig gleich.

 

25.04.2016 (118)

Selektion

Rätselhafter Tod auf Mallorca(SZ, 25.04.2016, Seite 8)

Palma de Mallorca (dpa) – Ein Tourist aus Deutschland ist auf Mallorca am Samstagmorgen vor einem Hotel tot aufgefunden worden. Der Fall gebe den Behörden der spanischen Ferieninsel Rätsel auf, berichten lokale Medien. Die Leiche des 25-jährigen trage keine Anzeichen von Gewalteinwirkung, hieß es. Freunde des Urlaubers hatten den leblosen Körper den Berichten zufolge morgens auf einem Bürgersteig in der Nähe des ‚Ballermanns‘ entdeckt. Die Polizei schließt Herzstillstand infolge massiven Alkoholkonsums nicht aus. Der Fall ist bereits der zweite mutmaßliche Unfalltod eines jungen Deutschen auf Mallorca innerhalb weniger Tage.

Tod(N.N.)

Straubing, NBY (bt) – Ein Sträfling aus Deutschland ist in der JVA Straubing am Sonntagmorgen in seiner Zelle tot aufgefunden worden. Der Fall wird von niederbayrischen Behörden nicht weiter enträtselt, folglich berichtet auch niemand. Die Leiche des 27-Jährigen trage keine Anzeichen von Gewalteinwirkung, heißt es. Vollzugsbeamte der JVA hatten den leblosen Körper Umstehenden zufolge morgens auf seinem Bett liegend in der Nähe der Zentrale entdeckt. Inoffizielle schließen Herzstillstand infolge massiven Drogenkonsums nicht aus. Belastbare Zahlen aus amtlichen Statistiken zu mutmaßlichen Drogentoden junger Sträflinge in der JVA Straubing existieren nicht.

 

22.-24.04.2016 (117)

Quellen

Mal sehen, woran der 27-jährige Wochenendtote nach offizieller Version verstarb.

 

22.04.2016 (116)

12.000 Pillen

Ein gewisser Krampf in den Zügen des Sträflings wird dem, der diesen häufig mit äußerer Lässigkeit kaschierten inneren Spannungszustand aus eigener Erfahrung kennt, immer offenbar bleiben. Offenbar nach einem oft nurmehr in Generationen überblickbaren Kampf gegen als Windmühlen getarnte Riesen – wenn es sein muss, bis dass der letzte Deckel sich schließe.

Dass diese Deckel in unserem Zuchthaus an mit flutschigst geölten Scharnieren verbundenen Verwesungsverschlägen hängen, ist auch dem 70-jährigen Verurteilten bekannt, dessen Hungerstreik nicht vornehmlich auf eine bella figura in seiner letzten Kiste zielte. Neben einem unabhängigen Spezialisten attestierte ihm auch der in jeglicher Hinsicht der Gefangenenhätschelei unverdächtige Anstaltsarzt ein absehbar bevorstehendes, multiples Organversagen, schlicht einen unmittelbar lebensbedrohenden Zustand. Nach dieser Diagnose stellte der Patient seit 2014 zwölf Anträge, ihm den nötigen Urlaub zu gewähren, die -sollten anstaltlicherseits lebenserhaltende Absichten bestehen – dann unerlässlichen Operationen durchführen zu lassen.

Wir reden hier von einem Schwerkranken, dessen Verurteilung in keinem Zusammenhang mit einer Verletzung der persönlichen Integrität eines Menschen steht, und der noch 17 Monate seiner Strafe zu verbüßen hätte – in Straubinger Dimensionen: weniger als ein Klacks. Obschon alle tatsächlichen und rechtlichen Voraussetzungen vorgelegen hätten, den Anträgen stattzugeben, blieben sie unbeantwortet; vielleicht weil es selbst für die innerhalb unserer Mauern waltenden Phantasie ex sententia ein zu Hohes war, ihn als gefährlich zu beschwören? Die anschließende Intervention eines Rechtsanwaltes brachte nichts ein.

Dieses Reich blutrünstigen Bestrafungsfurors, lässt sich nicht mal mehr von eiskalten, finanziellen Überlegungen bändigen. Entgegen den Vollzugsplänen ist unser abgewiesener Kranke noch nicht mittellos und wäre bereit, für alle von ihm verursachten Kosten aufzukommen. Statt zumindest den Steuerzahler zu schonen, wurde er seit seiner Diagnose mit 12.000 Pillen gefüttert, und erst nach zweitem Beschluss hiesigen Amtsgerichts für eine allgemein begutachtende Untersuchung im örtlichen Klinikum vorgemerkt – nachdem erster, identischer Beschluss, ohne anstaltliche Reaktion geblieben war. Wohl von dieser gerichtlichen Aktivität aufgeschreckt, wurde der Antrag auf drei Tage Urlaub – ausschließlich zum Aufenthalt in einem Spezialspital – abgelehnt.

Die anstaltliche Reaktion auf den hierauf erklärten Hungerstreik unseres Patienten samt Verweigerung staatlicher Medikamente kam postwendend: Isolation. Nur um dieser zu entgehen, widerrief der Mann. Die Pillen schluckt er dennoch nicht. Es geht ihm besser so.

Angesichts solcher Abscheulichkeiten gehört mehr als nur ein bisschen Disziplin dazu, Nachsicht zu üben. Eine Nachsicht, die wesentlich wäre eine längst verlorene, lebendige Schönheit wieder zu erlangen. Noch regieren Krampf und Kampf – selbst für eine scheene Leich‘ keine allzu guten Voraussetzungen.

 

20.04.2016 (115)

Branford

Manchmal hebt in mir, strebt in mir ein Solo heran und nach außen, um welches herum ich zum Mitmodellieren bitte, und das ich nur in vordergründigem Eroberungswahn über die Mitspieler gieße. Manchmal weiß ich auch nicht, woher es kam und ahne nur seinen weiteren Weg. Solange wir aber alle zusammen reisen, wird tief menschlich kommuniziert, ohne Worte, und also ohne Streit. In diesem genuin demokratischen Akt sind alle gleichberechtigt. Niemand hat Recht oder Unrecht, niemand spielt falsch und es gibt keine falschen Töne – außer manchmal, und dann greift der Minderheitenschutz.

Schwierig wird es, folgt man dem Weg eines anderen und versucht seine Gedanken und Gefühle zu vermitteln, die auf jener Reise entstanden sind. Wenn es sich um das Marsalis-Solo von ‚Englishman in New York‘ handelt, wird die Aufgabe nicht leichter. Bereits billiger Abklatsch wäre in diesem Falle ein Fingerfertigkeitsnachweis, wenn an eigene Spuren am Wegesrand dieses perfekten Pfades noch nicht zu denken ist. Als ich die Idee vernahm, dass es doch eine gute wäre, diesen Song auszuprobieren, stockte mir, mit Blick auf besagtes Solo, offenbar das Gesicht. Bass: ‚Was werst’n da glei so kasweiß? – ‚Du weißt schon, was Branford da hingezaubert hat?!‘ ‚Brauchst es ja nicht eins zu eins nachspielen. Spiel’s einfach besser!‘ Na, nun dann, hätten wir das auch besprochen. Irgendwo in meinem früheren Leben müsste dieses Kunstwerk noch auf Vinyl herumliegen, wenn nicht mittlerweile auf dem Plattenteller eines Kriminalers. Seit zehn Jahren liegt es mir nur noch im Ohr, aber ich höre es nicht. Vielleicht ist es doch keine so schlechte Idee, es einfach besser zu spielen. Ich denke, ich fange mal mit ‚anders‘ an.

 

(114)

Zensiert ohne Anhalteverfügung der JVA Straubing

 

18.04.2016 (113)

Spaziergang

Ich bin mir der Gefahr bewusst, die in einer Weise von Buchstaben lauert. In diesem einzigen weiten Feld, in dem meine Seele barfüßig an jedem Reiz nicht nur vorbeizustreifen vermeint. Diesen einzelnen reizenden Reizen, die mich nadelkisseln und im Wiesengrunde freien, unterhalb der Grasnarbe und jenseits des Horizonts. Dazwischen nichts. So selbstverständlich mir dieser Platz geworden ist, war es nicht, ihn mir zu finden, wenn ich anders war. Jetzt macht es keinen Unterschied mehr, weil ich mir selbst gleich geworden bin. Anfällig nur noch für äußere Reize, die es vielleicht nicht gibt – vielleicht aber auch nur sie.

Man verliebt sich in etwas, weil man anderes nicht sieht. Gib der Verletzung nicht nach – ich bin der Krüppel! Und ich muss die Heilung des Helden gehen, der nicht fragt im rechten Augenblick, sondern handelt. Doch tut er das nicht entgegen seinen Anlagen, selbst wenn das Schicksal es von ihm verlangte. Ich werde diese eine Liebe nun überwinden und dann wissen, ob sie auch die einzige gewesen wäre.

 

15. – 17.04.2016 (112)

Lügen in Zeiten verordneter Erstarrung

Es werden wieder Häppchen gereicht und Grußworte an die ersten Reihen gerichtet. Christen, Soziale, Nationale und eine feine Melange erwarten gelangweilt den alljährlich gefeierten Missbrauch der Jungfrau Thalia durch ihre große, erfahrene Schwester.

Die Selbstbeweihräucherung erreicht ein Ausmaß, welches nur in einem provinziellen Bürokratiekosmos als elfengleich schwebende Ouvertüre missverstanden werden kann. Von der langen Liste der gelobten Gehaltsempfänger sind die tatsächlich Nützlichen an zwei Fingern abzuzählen. Der Rest hängt als parasitärer Wurmfortsatz an den Kreativen und feiert eine ausnahmsweise ausbleibende Blockade seinerseits bereits als epochale Unterstützung der Muse. Üblicherweise legitimiert er sich dagegen mit Ablehnungen und Verboten der absurden Art, wenn er nicht gerade damit beschäftigt ist, die Theaterkasse zu plündern und unter sich aufzuteilen. Gleich lichtet sich der Vorhang und die ’nachhaltige Erfolgsgeschichte der Theatergruppe in der JVA Straubing‘ (offizielle Diktion) kann in ihre 41. Saison gehen.

Noch ein kurzer Blick ins Programmheft versorgt einen mit so vielen Fehlinformationen, dass man sich als Eingeweihter nicht mehr fragt, ob es sich dabei um Fehler handeln könnte, sondern ob die Macht wirklich schon so ohnmächtig ist, dass sie solche Methoden für notwendig erachtet. Teils sind die Lügen unnötig und dumm, weil sie erst eine Diskussion provozieren, die ansonsten niemanden interessiert hätte. Kein Sträfling beschwert sich in diesem Zuchthaus über allmorgendlich ausbleibenden Kaffee und Semmeln. Auch als noch ein Heißgetränk mit kaffeeähnlich beabsichtigtem Geschmack ausgeschenkt wurde, fand es ebenso wenig Abnehmer wie die im mehrwöchigen Abstand ausgegebenen zwei Semmeln, deren Masse an Luft die der Getreidebestandteile weit übertraf. Aber, wie gesagt: Wen interessiert’s? Vor der Lüge von deren Existenz: niemanden.
Es beschwert sich ja auch kein Gefangener mehr substanziell wegen fehlender Aus- und Fortbildungs- oder gar Studienmöglichkeiten, seitdem das ortsansässige Tribunal Klagen nach mehr Bildungsmöglichkeiten regelmäßig zurückweist. Sogar das Selbststudium im eigenen Haftraum wird verhindert, indem der Bezug von Studienmaterial blockiert wird – und es ertönt kein lautes Wort. Seitdem die stets enttäuschte Hoffnung auf eine Verbesserung der (Aus-)Bildungslage wunschgemäß in erlernte, resignative Hilflosigkeit umgewandelt ist, muckt keiner mehr. Als Feigenblatt wird der qualifizierte Hauptschulabschluss angeboten und die Mitarbeit in einem der anstaltlichen Eigenbetriebe im Zuge des für die Zwangsarbeit benötigten Humanmaterials. Nach außen wird dies mit dem Etikett der Ausbildung versehen. Weder Wissen noch Können, das vor einer IHK-Kammer bestehen würde, wird vermittelt.

Warum also die Lügen, wenn sich niemand beschwert? Die Wahrheit wäre weiter nahtlos mit geltendem Recht vereinbar. Kein Gesetz zwingt das Zuchthaus dazu, aus- oder fortzubilden. Es wird alles dem Ermessen überantwortet, was im Alltag nichts anderes als die Legalisierung von Willkür bedeutet. Die behaupteten Zuckerl finden sich dann in Sonntagsreden, weil wir alle miteinander um unsere Verlogenheit wissen und deshalb die Wirklichkeit vor uns selber verschleiern müssen. Die Lüge dient zur Aufrechterhaltung unseres humanen Selbstverständnisses im Lichte der Gerechtigkeit. Mit Recht oder gar Realität hat das nichts zu tun.

Deswegen verwundert es nicht weiter, wenn sich der Herr Anstaltsleiter in seinem Grußwort konsequent bei seinen „Medienpartner(n)“ bedankt. Das sind diejenigen Propagandaprofis mit Presseausweis, die sich frei innerhalb der Mauern bewegen, nachdem sie, mit Tasche, Rucksack und Kameras beladen, unkontrolliert neben dem Personal, an den Sicherheitsschleusen herum geschleust, den hochheiligen Boden betreten haben.

Konsequent wäre darauf auch die Erkenntnis, dass entweder das Sicherheitsbedürfnis und die ihm zugrunde gelegte Gefahrenlage nicht den hoheitlichen Beschwörungen entsprechen, oder das Sicherheitskonzept selbst bis in seine Details nichts taugt. Immerhin wird im Programmheft die Fotografie eines ganzen Bundes mit Sicherheitsschlüsseln abgedruckt. Für die Skizze weniger verfänglicher Schlüssel werden Gefangene für Jahre in Isolationshaft genommen. Nur nebenbei sei erwähnt, dass Journalisten in Ausübung ihrer gesetzlich geschützten Arbeit bereits der Zutritt auf das Zuchthausgelände vor den Mauern verwehrt wird.

Das konnte einer eingebetteten Mitarbeiterin des nur noch im eigenen Spiegel seriösen Propagandablattes aus Süddeutschland nicht passieren, als sie vermintes Gelände betrat, um anstaltliche Angaben unkritisch zu wiederholen. Im Namen des Theaterensembles ließ sie schnell mal 50 Menschen sterben – hört sich ja viel cooler an als die Wahrheit. Wie immer in solchen Fällen, sagt die Darstellung mehr über den Erzähler als über die fehlende Geschichte aus. Die Kreativität dieser Medienpartner ist die letzte und tatsächlich unangetastete vor Ort. Als Dank wird richtig beleuchtet und an den entscheidenden Stellen die fehlende Geschichte zum Prinzip einer Redaktion, der bereits die Solidarität im eigenen Haus abgeht. Wenn in unmittelbarer Nachbarschaft mit Massenentlassungen begonnen wurde, steht davon im eigenen Blatt kein Wort.

Vor einer staatlichen Pressezensur kann man bei diesen Verhältnissen nur träumen. Etwas Falsches könnte man noch erkennen – ein Nichts nicht mehr als Ist. Und so übertrifft privates Verschweigen der realen Umstände, die sie begründenden staatlichen Lügen vom praktischen Gesichtspunkt. Der Staat legitimiert sich mit Lügen, seine Propagandisten mit Presseausweis aber verraten durch Verschweigen ihre Leser und sich selbst. Jeder wird so am Ende des Stücks etwas anderes beklatscht haben.

 

14.04.2016 (111)

K.O.

Lange hing über dem Türsturz in meiner Zelle ein Schild mit der Aufschrift „Wer hier hinaustritt, lasse alle Hoffnung fahren“. Ob die Platzierung unglücklich war, weil in einem Gefängnis die Grenzen zwischen dem Reich der Hoffnungslosigkeit einerseits und andererseits dem Land, wo noch gehofft werden darf, nicht entlang der Schwellen einzelner Hafträume gezogen sind, weiß ich nicht. Jedenfalls habe ich das Schild entfernt. Rückgriffe auf alles Göttliche oder Metaphysische vor dieser Arena, welche ich als Bankspieler nicht betreten darf, erscheinen mir als allzu affektierte Sperenzien. Sie erklären nicht, trösten noch weniger und gehen erst Recht den Dingen nicht auf den Grund. Vollends zu verschmähen sind sie als intellektuelle Manien freilich nicht, da sie diejenigen mit Problemchen über die Sinnlosigkeit ihres Tages helfen. Wittgenstein indes hatte Recht, den transzendentalen Quatsch zu verbannen, wenn das Ganze so eindeutig wie ein Kinnhaken wäre. Es gibt Situationen, in denen tatsächlich nurmehr das Schweigen bleibt, weil jedes Wort die Lächerlichkeit nur schärfen würde. Also werde ich meine Mysterien fürs Wochenende aufsparen und mit dem Absoluten nur noch in der völligen Verzweiflung ringen. Solange ein Trotzdem als Chimäre noch greifbar bleibt, gibt’s mit dem Jenseits nur Trashtalk.

 

13.04.2016 (110)

Wessen Realitätsverlust?

Eine Waffe sehen und sterben – oder sterben lassen. Egal. egal wen darauf käme es gar nicht an wem gewalt angetan würde und warum hauptsache es geschähe wenn ich nur eine waffe sehen ihre ausmaße verinnerlichen und die exakten farbgebungen studieren könnte wäre ich auch sicher imstande sie nachzubauen und dann gäbs ein peng nein peng peng so werd ich dagegen noch wahnsinnig ohne waffe und wenn es nur ein fischmesser wäre dessen konturen blanken stahls ich blicklings berührte bevor es zu materie geworden winderspentige zähmen bis ich an nichts anderes mehr denken würde stopp vielleicht das ganze mit einer kleinen geiselnahme verbinden ja warum eigentlich nicht das wäre schön und schon wurscht dass bayern als einziges land im vorhinein verkündet geiseln erst auf die straße zu lassen wenn schon alle erschossen wären mit echten kugeln tot oder nicht weil ich sie mit meiner brotteigpistole schon das fürchten gelehrt haben würde wie weiland charles bronson bei dem das auch immer klappt mit dem gottseibeiuns was könnte ich für ein kunstwerk modellieren mit richtigen mustern die es nur nicht gibt weil sie die fotos schon wieder aus den zeitungen schneiden wo es doch überall so schöne waffenfotos gäbe die sie einfach rausschneiden als ob nichts wäre das nur nicht vom gericht verboten weil absurd anzunehmen dass ein gefangener auf solche abbildungen warte um eine waffe realistisch nachbilden zu können die es bei gericht nicht besser wissen als die im zuchthaus sind natürlich schlauer und scheren sich nicht um das gericht weil sie selber wissen dass ein veritabler künstler des naturalismus selbstredend nach vorlage kreiert und ich ein großer künstler bin der dieser welt noch vorenthalten ist es doch ärgerlich dass sie auch erwachsenenkuschelbilder rausschneiden und verbieten dürfen sie dies nach vorher ignoriertem gericht mit blick auf die gesundung perverser und vermeidung der pervertierung gesunder gibt’s halt keine kuschelbilder punkt die neurose bei gericht vor dieser begründung muss noch ausgeprägter gewesen sein als bei straubings sträflingen danach weiß ich zwar nicht mehr wie eine waffe oder eine frau aus der nähe aussehen aber dann werde ich zukünftig kunst eben auf die toten und die nackten ausrichten leinwände mit staatlichem getöte und weiblichem dufte tränken bis ich zu altdorfer und leo putz in personalunion verschmolzen sein in zwei monaten eh endstrafe haben werde und das kann ich ja noch abwarten.

 

12.04.2016 (109)

Äpfel 2

Unlängst gingen mir mal wieder die Äpfel aus. Auf einer Skala der größten Unglücke erscheint mir jenes Ereignis immer nennenswerter. Den damaligen Text, wie angekündigt, bis zur nächsten Obstlieferung zurückzuhalten, wäre indes dem Eingeständnis gleichgekommen, sich von der Oberfläche der Geschichte konditionieren zu lassen und die Symbolkraft des fehlenden Apfels zu verneinen. Prätentiöser Firlefanz. So ließen sich auch die erwähnten Wenigen nur von der subkutanen Sinnbildlichkeit der Urfrucht leiten und lieferten lächelnd ihren letzten Apfel ab – trotzdem. Eine freie Freundin schrieb nach der Lektüre, dass längst aufgegebene Äpfel ihre Bestimmung doch noch in einem Kuchen fanden. Es muss also nicht immer der Apfel sein; das Bild bereits rettet den Tag!