Ich habe nur noch meine Seele – Benedikts Blog

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03.05.2016 (124)

Rückkehr

Gibt es einen besseren Zeitpunkt für den ersten Satz als den Augenblick, an dem man erfährt, dass man sein Leben im Gefängnis beenden wird?

 

02.05.2016 (123)

Nimmermehr

Die Leere ist nicht eingebildet oder eine schön dahergesagte Unterlage für Belangloses. Sie ist körperlich zu greifen in der Abwesenheit alles Kommenden. Gedanken und Gefühle sind ausgelöscht. Kein sich öffnender Boden weit und breit, der einen verschlucken würde zur ewigen Ruh, nachdem sich die Katastrophe zur Geltung gebracht hat. Kein Boden bebt. Alles ist da, wo es vorher war – nur bedeutet es nichts mehr. Staffage und Einband eines Buchlebens, das aufgehört hat, Leben zu sein. Stumpfe. Kolossale Tumbe. Ödnis. Dann nichts. Kein Hass, nicht mal Zorn. Nur Mitleid für die Brigade der Staatsschwächlinge, gegen deren Galvanik sich meine Zuckungen noch als Heldentaten ausnehmen. Wie traurig, wenn man sich nicht getraut, seiner Natur oder Bestimmung gemäß zu handeln.

Wie warm wird mir bei dieser Vorstellung der Stuhl, auf dem ich sitze und der mein letzter sein wird; der letzte zu meiner Benutzung – er gehört mir ja nicht. Ich fühle, dass ich lebte und das reicht für ein paar erkleckliche Zeilen. Für Zukünftiges müsste man weiterleben – deswegen schreibe ich soviel Überflüssiges. Aber das widerfährt dem Einsamen notwendig, weil sich alles wiederholt und die Einsamkeit alles bedeckt und erstickt, das Denken, Fühlen, Atmen. Mein Schicksal hatte mich für falsche Fassaden empfänglich gemacht und oft glaube ich eine Tarnung erkannt zu haben, die keine war. Jetzt aber ist es Zeit, den Zynismus zu begraben und das Herz nach außen zu kehren. Wenn man einmal akzeptiert hat, dass die Sprache der Dichter aus Ruinen entsteht, kann es für Aufrichtigkeit und Liebe nie zu spät sein. Alles Kommende wird dann Zugabe einer längst beendeten Vorstellung.

Feinsleibchen legt ihre Hand auf die meine. Sie streichelt mein Gesicht, während sie etwas im Schilde zu führen scheint, da mein Ohrläppchen aufgrund seiner Beschaffenheit allein die aufkommende, ihm zugewiesene Aufmerksamkeit nicht verdient hat, zunächst mit ihrem Blick. Sie trägt ein unbekanntes Parfum, und trotzdem hüllt sie mich weiter in ihren Duft von gestern Nacht. Füllt meine Lunge, füllt mich ganz aus. Hat mich in der Hand. Läßt mich stehen. Essenz zur Existenz. Ich pulsiere. Will in ihr sein, wie sie in mir. Eins. Ich öffene meine Augen und erkenne Feinsliebchen, zu einer Statue der Freiheit erstarrt, wie sie mir zuwinkt, und mich nimmermehr empfangen wird.

 

29.04-01.05.2016 (122)

Gratulation

Ich weiß, wann ich verloren habe. Neben den Kämpfen, die ich aus eigener Dummheit oder als Folge meiner Unaufrichtigkeit habe kämpfen müssen, habe ich nun auch diesen, in den ich gezwungen wurde, verloren.

Schweigend hat die Spinne ihr Opfer verspeist. Ihre Greif- und Beißwerkzeuge beglückwünsche ich zum Sieg. Verbunden mit diesem Glückwunsch ist mein herzliches Beileid an sie alle, die sie ihre Stärke verraten haben, indem sie einem Schwachen Unrecht antaten. Aber ein Sieg ist ein Sieg. Nach den Methoden fragt heutzutage niemand mehr.

Feiert schön und trinkt einen für mich mit! Ich werde in der Zwischenzeit versuchen, meine Schwäche nicht zu verraten.

 

28.04.2016 (121)

Brustdruck

Lange habe ich gerätselt, woran das ständige, physische Unwohlsein gelegen haben könnte. Lange habe ich mit äußeren Abläufen experimentiert und ihre Dosen in verschiedene Verhältnisse zueinander gesetzt – mehr gehen, weniger sitzen, mehr liegen, weniger die Luft betrachten. Lange habe ich Wahn, oder seine kleine Schwester Einbildung, nicht ausgeklammert. Beide sind überall um mich, warum sollten sie nicht auch in mir sein? Die das behaupteten, wären die wahrhaft Wahnhaften.
Seit einem Monat esse ich nichts mehr, was nicht ich auf den Teller gelegt hätte. Der Druck auf Brust und Kopf ist verschwunden. Durchaus beruhigend, die Praktikabilität seiner Paranoia so deutlich bestätigt zu bekommen.

 

27.04.2016 (120)

Allzuunmenschliches

Es liegt in der Natur der Sache, daß mannigfaltig schillernde Begriffe, die Zersplittertesß umfassend vereinen sollen, in aller Regel weniger als nicht bedeuten, weil sie nur Verwendung finden, wenn klar vor Augen Liegendes, einem höheren Interesse folgend, verschleiert werden soll. Stellt die Definition des ‚Menschlichen‘ bereits vor Probleme, nähern sich diese Probleme angesichts des ‚Unmenschlichen‘ der Unmöglichkeit. Neben Ver- und Umkehrungen alles Herzens in Sauereien, die in uns stecken, umfaßt sie über das Gegenteil das Beschriebenen hinaus, alles dem Menschen von Natur aus Fremde. Hündisches, Holzliches und Hypotheken.

Kaum eine menschliche Rotte fühlt sich in der Folge nicht zur Aufklärung berufen. Interessensgemeinschaften deutscher Schaffner (‚unmenschliche Temperaturen in den Abteilen‘) Krankenschwestervertretungen (‚unmenschliche Arbeitszeiten‘), internationale Sportmoderatorengewerkschaften (‚unmenschliche Bergetappe‘), Ethikkommissionen (‚Der Mensch ist ein Unmensch‘) und Staatsphilosophen (‚Der Mensch ist ein Wolf‘), liegen irgendwann so ineinander verheddert darnieder, daß wieder nichts anderes übrig bleibt, als ein Gericht über Voraussetzung, Inhalt und Ausblick des Unmenschlichkeitsbegriffs befinden zu lassen.

Die Klage des norwegischen Massenmörders gegen seine mutmaßlich (hat diese Wort irgendwann einmal irgend etwas bedeutet?) unmenschlichen Haftbedingungen bot nun die Gelegenheit das Knäuel zu entwirren. Unmenschlich ist nach dem jüngsten Urteil eines Osloer Amtsgerichts, einen bereits eingesperrten Menschen zusätzlich für drei Jahre von seinen Mitgefangenen zu isolieren. Schlafzimmer, Arbeitszimmer, Trainingsraum zu je zehn Quadratmetern, TV, Radio, (gefilteres) Internet und Telefon, Tageszeitung, Fernstudium, CDs, DVDs, Spielekonsole und Privatkleidung entschädigen nicht für den Entzug persönlicher Interaktion. Der Kontakt zum Personal heilt diesen Mangel nicht.

Der kleine Schreck, der Bayerns Repräsentanten der Strafjustiz auf diesen Richterspruch durchfahren haben mag, wich dem beruhigenden Wissen, daß hier niemand an die Rechtsprechung der skandinavischen Weicheier, die sich noch nicht mal in die EU trauen, gebunden ist. Puuh. Kein Mitglied unserer Wahrheitsbehörde wird die ungestellte Frage beantworten müssen, wie sich die norwegische Auffassung mit der hiesigen verträgt.

In der JVA Straubing werden Gefangene also weiter in nacktgefliesten Zellen ohne Stromanschluß und den genannten Kinkerlitzchen isoliert, mit absolutem Sprechverbot belegt und selbst dann nicht gelockert, wenn hauseigene Anstaltspsychiater kognitive und motorische Ausfälle attestieren. Störungen sind schließlich Sinn und Zweck des Ganzen, um den als gefährlich Beschworenen ungefährlich zu machen. Die Gefährlichkeit solch eines Isolierten beruhte nicht etwa auf 77-fachen Massenmord, sondern auf Schlüsselskizzen, die er angefertigt hatte. Seine Zeichnung zeigte einen Ausschnitt der Schlüssel, die mit einem Schlüsselbund zusammengefaßt, erst neulich auf einem Foto im Programmheft zur aktuellen Aufführung der Gefangenentheatergruppe abgebildet waren (Eintrag 112). Offizielle Öffentlichkeitsarbeit!

Kein Gericht oder Ministerium störte sich dagegen an den Umständen der Isolation unseres für fünf Jahre verschollenen Zeichners – im Gegenteil. Erst als alle Isolationszellen belegt waren, und seine für den Nächsten benötigt wurde, entfiel die Gefahrenlage plötzlich, ohne dass sich etwas geändert hätte – bis auf den Platzmangel. Derweil berichtete das Staatsfernsehen, wie Eichhörnchen aus Bäumen gerettet wurden. Auch eine menschliche Geste.

 

26.04.2016 (119)

Die Übrige

Wenn das Grauen in mir ist, und die Schönheit, die ich einst auf Kniee glückbereit mir setzte, zu entfernt für einen Kampf, brauch ich einen Gott.

Nein, schrillt der Dämon, was Du brauchst, sind Mohnfelder, in deren zartwärmenden Mitten ich Dich betten werde. Gott hat Dir doch vor langem schon sein Nichtsein offenbart. Sei nicht feig, ich weis‘ Dich hin, woher Du kamst – verdiene Dir den süßen Tod!

Wenn dann Grauen nur noch ist, und die Lanze Feigheit heißt, öffnet Echo ihren Kelch, die Schöne, einzig Übrige und spricht: Ob Du an den, der’s ist, glaubst, ist ihm völlig gleich.

 

25.04.2016 (118)

Selektion

Rätselhafter Tod auf Mallorca

(SZ, 25.04.2016, Seite 8)

Palma de Mallorca (dpa) – Ein Tourist aus Deutschland ist auf Mallorca am Samstagmorgen vor einem Hotel tot aufgefunden worden. Der Fall gebe den Behörden der spanischen Ferieninsel Rätsel auf, berichten lokale Medien. Die Leiche des 25-jährigen trage keine Anzeichen von Gewalteinwirkung, hieß es. Freunde des Urlaubers hatten den leblosen Körper den Berichten zufolge morgens auf einem Bürgersteig in der Nähe des ‚Ballermanns‘ entdeckt. Die Polizei schließt Herzstillstand infolge massiven Alkoholkonsums nicht aus. Der Fall ist bereits der zweite mutmaßliche Unfalltod eines jungen Deutschen auf Mallorca innerhalb weniger Tage.

Tod

(N.N.)

Straubing, NBY (bt) – Ein Sträfling aus Deutschland ist in der JVA Straubing am Sonntagmorgen in seiner Zelle tot aufgefunden worden. Der Fall wird von niederbayrischen Behörden nicht weiter enträtselt, folglich berichtet auch niemand. Die Leiche des 27-Jährigen trage keine Anzeichen von Gewalteinwirkung, heißt es. Vollzugsbeamte der JVA hatten den leblosen Körper Umstehenden zufolge morgens auf seinem Bett liegend in der Nähe der Zentrale entdeckt. Inoffizielle schließen Herzstillstand infolge massiven Drogenkonsums nicht aus. Belastbare Zahlen aus amtlichen Statistiken zu mutmaßlichen Drogentoden junger Sträflinge in der JVA Straubing existieren nicht.

 

22.-24.04.2016 (117)

Quellen

Mal sehen, woran der 27-jährige Wochenendtote nach offizieller Version verstarb.

 

22.04.2016 (116)

12.000 Pillen

Ein gewisser Krampf in den Zügen des Sträflings wird dem, der diesen häufig mit äußerer Lässigkeit kaschierten inneren Spannungszustand aus eigener Erfahrung kennt, immer offenbar bleiben. Offenbar nach einem oft nurmehr in Generationen überblickbaren Kampf gegen als Windmühlen getarnte Riesen – wenn es sein muss, bis dass der letzte Deckel sich schließe.

Dass diese Deckel in unserem Zuchthaus an mit flutschigst geölten Scharnieren verbundenen Verwesungsverschlägen hängen, ist auch dem 70-jährigen Verurteilten bekannt, dessen Hungerstreik nicht vornehmlich auf eine bella figura in seiner letzten Kiste zielte. Neben einem unabhängigen Spezialisten attestierte ihm auch der in jeglicher Hinsicht der Gefangenenhätschelei unverdächtige Anstaltsarzt ein absehbar bevorstehendes, multiples Organversagen, schlicht einen unmittelbar lebensbedrohenden Zustand. Nach dieser Diagnose stellte der Patient seit 2014 zwölf Anträge, ihm den nötigen Urlaub zu gewähren, die -sollten anstaltlicherseits lebenserhaltende Absichten bestehen – dann unerlässlichen Operationen durchführen zu lassen.

Wir reden hier von einem Schwerkranken, dessen Verurteilung in keinem Zusammenhang mit einer Verletzung der persönlichen Integrität eines Menschen steht, und der noch 17 Monate seiner Strafe zu verbüßen hätte – in Straubinger Dimensionen: weniger als ein Klacks. Obschon alle tatsächlichen und rechtlichen Voraussetzungen vorgelegen hätten, den Anträgen stattzugeben, blieben sie unbeantwortet; vielleicht weil es selbst für die innerhalb unserer Mauern waltenden Phantasie ex sententia ein zu Hohes war, ihn als gefährlich zu beschwören? Die anschließende Intervention eines Rechtsanwaltes brachte nichts ein.

Dieses Reich blutrünstigen Bestrafungsfurors, lässt sich nicht mal mehr von eiskalten, finanziellen Überlegungen bändigen. Entgegen den Vollzugsplänen ist unser abgewiesener Kranke noch nicht mittellos und wäre bereit, für alle von ihm verursachten Kosten aufzukommen. Statt zumindest den Steuerzahler zu schonen, wurde er seit seiner Diagnose mit 12.000 Pillen gefüttert, und erst nach zweitem Beschluss hiesigen Amtsgerichts für eine allgemein begutachtende Untersuchung im örtlichen Klinikum vorgemerkt – nachdem erster, identischer Beschluss, ohne anstaltliche Reaktion geblieben war. Wohl von dieser gerichtlichen Aktivität aufgeschreckt, wurde der Antrag auf drei Tage Urlaub – ausschließlich zum Aufenthalt in einem Spezialspital – abgelehnt.

Die anstaltliche Reaktion auf den hierauf erklärten Hungerstreik unseres Patienten samt Verweigerung staatlicher Medikamente kam postwendend: Isolation. Nur um dieser zu entgehen, widerrief der Mann. Die Pillen schluckt er dennoch nicht. Es geht ihm besser so.

Angesichts solcher Abscheulichkeiten gehört mehr als nur ein bisschen Disziplin dazu, Nachsicht zu üben. Eine Nachsicht, die wesentlich wäre eine längst verlorene, lebendige Schönheit wieder zu erlangen. Noch regieren Krampf und Kampf – selbst für eine scheene Leich‘ keine allzu guten Voraussetzungen.

 

20.04.2016 (115)

Branford

Manchmal hebt in mir, strebt in mir ein Solo heran und nach außen, um welches herum ich zum Mitmodellieren bitte, und das ich nur in vordergründigem Eroberungswahn über die Mitspieler gieße. Manchmal weiß ich auch nicht, woher es kam und ahne nur seinen weiteren Weg. Solange wir aber alle zusammen reisen, wird tief menschlich kommuniziert, ohne Worte, und also ohne Streit. In diesem genuin demokratischen Akt sind alle gleichberechtigt. Niemand hat Recht oder Unrecht, niemand spielt falsch und es gibt keine falschen Töne – außer manchmal, und dann greift der Minderheitenschutz.

Schwierig wird es, folgt man dem Weg eines anderen und versucht seine Gedanken und Gefühle zu vermitteln, die auf jener Reise entstanden sind. Wenn es sich um das Marsalis-Solo von ‚Englishman in New York‘ handelt, wird die Aufgabe nicht leichter. Bereits billiger Abklatsch wäre in diesem Falle ein Fingerfertigkeitsnachweis, wenn an eigene Spuren am Wegesrand dieses perfekten Pfades noch nicht zu denken ist. Als ich die Idee vernahm, dass es doch eine gute wäre, diesen Song auszuprobieren, stockte mir, mit Blick auf besagtes Solo, offenbar das Gesicht. Bass: ‚Was werst’n da glei so kasweiß? – ‚Du weißt schon, was Branford da hingezaubert hat?!‘ ‚Brauchst es ja nicht eins zu eins nachspielen. Spiel’s einfach besser!‘ Na, nun dann, hätten wir das auch besprochen. Irgendwo in meinem früheren Leben müsste dieses Kunstwerk noch auf Vinyl herumliegen, wenn nicht mittlerweile auf dem Plattenteller eines Kriminalers. Seit zehn Jahren liegt es mir nur noch im Ohr, aber ich höre es nicht. Vielleicht ist es doch keine so schlechte Idee, es einfach besser zu spielen. Ich denke, ich fange mal mit ‚anders‘ an.

 

(114)

Zensiert ohne Anhalteverfügung der JVA Straubing

 

18.04.2016 (113)

Spaziergang

Ich bin mir der Gefahr bewusst, die in einer Weise von Buchstaben lauert. In diesem einzigen weiten Feld, in dem meine Seele barfüßig an jedem Reiz nicht nur vorbeizustreifen vermeint. Diesen einzelnen reizenden Reizen, die mich nadelkisseln und im Wiesengrunde freien, unterhalb der Grasnarbe und jenseits des Horizonts. Dazwischen nichts. So selbstverständlich mir dieser Platz geworden ist, war es nicht, ihn mir zu finden, wenn ich anders war. Jetzt macht es keinen Unterschied mehr, weil ich mir selbst gleich geworden bin. Anfällig nur noch für äußere Reize, die es vielleicht nicht gibt – vielleicht aber auch nur sie.

Man verliebt sich in etwas, weil man anderes nicht sieht. Gib der Verletzung nicht nach – ich bin der Krüppel! Und ich muss die Heilung des Helden gehen, der nicht fragt im rechten Augenblick, sondern handelt. Doch tut er das nicht entgegen seinen Anlagen, selbst wenn das Schicksal es von ihm verlangte. Ich werde diese eine Liebe nun überwinden und dann wissen, ob sie auch die einzige gewesen wäre.

 

15. – 17.04.2016 (112)

Lügen in Zeiten verordneter Erstarrung

Es werden wieder Häppchen gereicht und Grußworte an die ersten Reihen gerichtet. Christen, Soziale, Nationale und eine feine Melange erwarten gelangweilt den alljährlich gefeierten Missbrauch der Jungfrau Thalia durch ihre große, erfahrene Schwester.

Die Selbstbeweihräucherung erreicht ein Ausmaß, welches nur in einem provinziellen Bürokratiekosmos als elfengleich schwebende Ouvertüre missverstanden werden kann. Von der langen Liste der gelobten Gehaltsempfänger sind die tatsächlich Nützlichen an zwei Fingern abzuzählen. Der Rest hängt als parasitärer Wurmfortsatz an den Kreativen und feiert eine ausnahmsweise ausbleibende Blockade seinerseits bereits als epochale Unterstützung der Muse. Üblicherweise legitimiert er sich dagegen mit Ablehnungen und Verboten der absurden Art, wenn er nicht gerade damit beschäftigt ist, die Theaterkasse zu plündern und unter sich aufzuteilen. Gleich lichtet sich der Vorhang und die ’nachhaltige Erfolgsgeschichte der Theatergruppe in der JVA Straubing‘ (offizielle Diktion) kann in ihre 41. Saison gehen.

Noch ein kurzer Blick ins Programmheft versorgt einen mit so vielen Fehlinformationen, dass man sich als Eingeweihter nicht mehr fragt, ob es sich dabei um Fehler handeln könnte, sondern ob die Macht wirklich schon so ohnmächtig ist, dass sie solche Methoden für notwendig erachtet. Teils sind die Lügen unnötig und dumm, weil sie erst eine Diskussion provozieren, die ansonsten niemanden interessiert hätte. Kein Sträfling beschwert sich in diesem Zuchthaus über allmorgendlich ausbleibenden Kaffee und Semmeln. Auch als noch ein Heißgetränk mit kaffeeähnlich beabsichtigtem Geschmack ausgeschenkt wurde, fand es ebenso wenig Abnehmer wie die im mehrwöchigen Abstand ausgegebenen zwei Semmeln, deren Masse an Luft die der Getreidebestandteile weit übertraf. Aber, wie gesagt: Wen interessiert’s? Vor der Lüge von deren Existenz: niemanden.
Es beschwert sich ja auch kein Gefangener mehr substanziell wegen fehlender Aus- und Fortbildungs- oder gar Studienmöglichkeiten, seitdem das ortsansässige Tribunal Klagen nach mehr Bildungsmöglichkeiten regelmäßig zurückweist. Sogar das Selbststudium im eigenen Haftraum wird verhindert, indem der Bezug von Studienmaterial blockiert wird – und es ertönt kein lautes Wort. Seitdem die stets enttäuschte Hoffnung auf eine Verbesserung der (Aus-)Bildungslage wunschgemäß in erlernte, resignative Hilflosigkeit umgewandelt ist, muckt keiner mehr. Als Feigenblatt wird der qualifizierte Hauptschulabschluss angeboten und die Mitarbeit in einem der anstaltlichen Eigenbetriebe im Zuge des für die Zwangsarbeit benötigten Humanmaterials. Nach außen wird dies mit dem Etikett der Ausbildung versehen. Weder Wissen noch Können, das vor einer IHK-Kammer bestehen würde, wird vermittelt.

Warum also die Lügen, wenn sich niemand beschwert? Die Wahrheit wäre weiter nahtlos mit geltendem Recht vereinbar. Kein Gesetz zwingt das Zuchthaus dazu, aus- oder fortzubilden. Es wird alles dem Ermessen überantwortet, was im Alltag nichts anderes als die Legalisierung von Willkür bedeutet. Die behaupteten Zuckerl finden sich dann in Sonntagsreden, weil wir alle miteinander um unsere Verlogenheit wissen und deshalb die Wirklichkeit vor uns selber verschleiern müssen. Die Lüge dient zur Aufrechterhaltung unseres humanen Selbstverständnisses im Lichte der Gerechtigkeit. Mit Recht oder gar Realität hat das nichts zu tun.

Deswegen verwundert es nicht weiter, wenn sich der Herr Anstaltsleiter in seinem Grußwort konsequent bei seinen „Medienpartner(n)“ bedankt. Das sind diejenigen Propagandaprofis mit Presseausweis, die sich frei innerhalb der Mauern bewegen, nachdem sie, mit Tasche, Rucksack und Kameras beladen, unkontrolliert neben dem Personal, an den Sicherheitsschleusen herum geschleust, den hochheiligen Boden betreten haben.

Konsequent wäre darauf auch die Erkenntnis, dass entweder das Sicherheitsbedürfnis und die ihm zugrunde gelegte Gefahrenlage nicht den hoheitlichen Beschwörungen entsprechen, oder das Sicherheitskonzept selbst bis in seine Details nichts taugt. Immerhin wird im Programmheft die Fotografie eines ganzen Bundes mit Sicherheitsschlüsseln abgedruckt. Für die Skizze weniger verfänglicher Schlüssel werden Gefangene für Jahre in Isolationshaft genommen. Nur nebenbei sei erwähnt, dass Journalisten in Ausübung ihrer gesetzlich geschützten Arbeit bereits der Zutritt auf das Zuchthausgelände vor den Mauern verwehrt wird.

Das konnte einer eingebetteten Mitarbeiterin des nur noch im eigenen Spiegel seriösen Propagandablattes aus Süddeutschland nicht passieren, als sie vermintes Gelände betrat, um anstaltliche Angaben unkritisch zu wiederholen. Im Namen des Theaterensembles ließ sie schnell mal 50 Menschen sterben – hört sich ja viel cooler an als die Wahrheit. Wie immer in solchen Fällen, sagt die Darstellung mehr über den Erzähler als über die fehlende Geschichte aus. Die Kreativität dieser Medienpartner ist die letzte und tatsächlich unangetastete vor Ort. Als Dank wird richtig beleuchtet und an den entscheidenden Stellen die fehlende Geschichte zum Prinzip einer Redaktion, der bereits die Solidarität im eigenen Haus abgeht. Wenn in unmittelbarer Nachbarschaft mit Massenentlassungen begonnen wurde, steht davon im eigenen Blatt kein Wort.

Vor einer staatlichen Pressezensur kann man bei diesen Verhältnissen nur träumen. Etwas Falsches könnte man noch erkennen – ein Nichts nicht mehr als Ist. Und so übertrifft privates Verschweigen der realen Umstände, die sie begründenden staatlichen Lügen vom praktischen Gesichtspunkt. Der Staat legitimiert sich mit Lügen, seine Propagandisten mit Presseausweis aber verraten durch Verschweigen ihre Leser und sich selbst. Jeder wird so am Ende des Stücks etwas anderes beklatscht haben.

 

14.04.2016 (111)

K.O.

Lange hing über dem Türsturz in meiner Zelle ein Schild mit der Aufschrift „Wer hier hinaustritt, lasse alle Hoffnung fahren“. Ob die Platzierung unglücklich war, weil in einem Gefängnis die Grenzen zwischen dem Reich der Hoffnungslosigkeit einerseits und andererseits dem Land, wo noch gehofft werden darf, nicht entlang der Schwellen einzelner Hafträume gezogen sind, weiß ich nicht. Jedenfalls habe ich das Schild entfernt. Rückgriffe auf alles Göttliche oder Metaphysische vor dieser Arena, welche ich als Bankspieler nicht betreten darf, erscheinen mir als allzu affektierte Sperenzien. Sie erklären nicht, trösten noch weniger und gehen erst Recht den Dingen nicht auf den Grund. Vollends zuverschmähen sind sie als intellektuelle Manien freilich nicht, da sie diejenigen mit Problemchen über die Sinnlosigkeit ihres Tages helfen. Wittgenstein indes hatte Recht, den transzendentalen Quatsch zu verbannen, wenn das Ganze so eindeutig wie ein Kinnhaken wäre. Es gibt Situationen, in denen tatsächlich nurmehr das Schweigen bleibt, weil jedes Wort die Lächerlichkeit nur schärfen würde. Also werde ich meine Mysterien fürs Wochenende aufsparen und mit dem Absoluten nur noch in der völligen Verzweiflung ringen. Solange ein Trotzdem als Chimäre noch greifbar bleibt, gibt’s mit dem Jenseits nur Trashtalk.

 

13.04.2016 (110)

Wessen Realitätsverlust?

Eine Waffe sehen und sterben – oder sterben lassen. Egal. egal wen darauf käme es gar nicht an wem gewalt angetan würde und warum hauptsache es geschähe wenn ich nur eine waffe sehen ihre ausmaße verinnerlichen und die exakten farbgebungen studieren könnte wäre ich auch sicher imstande sie nachzubauen und dann gäbs ein peng nein peng peng so werd ich dagegen noch wahnsinnig ohne waffe und wenn es nur ein fischmesser wäre dessen konturen blanken stahls ich blicklings berührte bevor es zu materie geworden winderspentige zähmen bis ich an nichts anderes mehr denken würde stopp vielleicht das ganze mit einer kleinen geiselnahme verbinden ja warum eigentlich nicht das wäre schön und schon wurscht dass bayern als einziges land im vorhinein verkündet geiseln erst auf die straße zu lassen wenn schon alle erschossen wären mit echten kugeln tot oder nicht weil ich sie mit meiner brotteigpistole schon das fürchten gelehrt haben würde wie weiland charles bronson bei dem das auch immer klappt mit dem gottseibeiuns was könnte ich für ein kunstwerk modellieren mit richtigen mustern die es nur nicht gibt weil sie die fotos schon wieder aus den zeitungen schneiden wo es doch überall so schöne waffenfotos gäbe die sie einfach rausschneiden als ob nichts wäre das nur nicht vom gericht verboten weil absurd anzunehmen dass ein gefangener auf solche abbildungen warte um eine waffe realistisch nachbilden zu können die es bei gericht nicht besser wissen als die im zuchthaus sind natürlich schlauer und scheren sich nicht um das gericht weil sie selber wissen dass ein veritabler künstler des naturalismus selbstredend nach vorlage kreiert und ich ein großer künstler bin der dieser welt noch vorenthalten ist es doch ärgerlich dass sie auch erwachsenenkuschelbilder rausschneiden und verbieten dürfen sie dies nach vorher ignoriertem gericht mit blick auf die gesundung perverser und vermeidung der pervertierung gesunder gibt’s halt keine kuschelbilder punkt die neurose bei gericht vor dieser begründung muss noch ausgeprägter gewesen sein als bei straubings sträflingen danach weiß ich zwar nicht mehr wie eine waffe oder eine frau aus der nähe aussehen aber dann werde ich zukünftig kunst eben auf die toten und die nackten ausrichten leinwände mit staatlichem getöte und weiblichem dufte tränken bis ich zu altdorfer und leo putz in personalunion verschmolzen sein in zwei monaten eh endstrafe haben werde und das kann ich ja noch abwarten.

 

12.04.2016 (109)

Äpfel 2

Unlängst gingen mir mal wieder die Äpfel aus. Auf einer Skala der größten Unglücke erscheint mir jenes Ereignis immer nennenswerter. Den damaligen Text, wie angekündigt, bis zur nächsten Obstlieferung zurückzuhalten, wäre indes dem Eingeständnis gleichgekommen, sich von der Oberfläche der Geschichte konditionieren zu lassen und die Symbolkraft des fehlenden Apfels zu verneinen. Prätentiöser Firlefanz. So ließen sich auch die erwähnten Wenigen nur von der subkutanen Sinnbildlichkeit der Urfrucht leiten und lieferten lächelnd ihren letzten Apfel ab – trotzdem. Eine freie Freundin schrieb nach der Lektüre, dass längst aufgegebene Äpfel ihre Bestimmung doch noch in einem Kuchen fanden. Es muss also nicht immer der Apfel sein; das Bild bereits rettet den Tag!

 

11.04.2016 (108)

Der Ellbogen

Schieben sich die ersten Sonnenstrahlen über die Dächer von Straubing, um eine Zeit lang zu verweilen, werden sie auch den Gefängnishof zu liebkosen nicht vergessen, denn es wird wieder Sommer. Das Knastvolk erwacht aus dem Winterschlaf und Gesichter drängen ins öffentliche Bewusstsein, die schon längst bei den Toten verortet waren. Der Hof füllt sich entsprechend des Sonnenstandes. Nur kurz kämpfe ich bei diesem Anblick gegen den Vergleich mit einem Schwarm Motten – die können immer fliegen. Der Gedanke an meine Verwandtschaft mit dem Ungeziefer lindert den Selbsthass etwas.

Die den Hof umwehenden Mauern sind hoch, der Sonneneinfall noch kurz. Unterschwellige Hektik treibt die Flanierenden an. Wie eine teigige Masse auf einmal stockt, scheinen die Hofgänger am Übergang vom Schattenbereich, wie auf Zuruf, träge zu werden, als ob sie vor einem Nadelöhr ins Licht anstünden. Niemand will die Sonnenseite dann zu schnell wieder verlassen, so dass es in diesem Bereich vereinzelt zu Stauungen kommt. Dank des Tempowechsels bietet sich eine Gelegenheit, die Haltung zu korrigieren, die Muskeln erneut auf Spannung zu bringen. Unter der Sonne stolziert darauf wieder ein jeder als sein höchst eigener Held kreisum. Nur Nichteingeweihte sähen darin lediglich einer plumpen Eitelkeit Zug. Die Anstellwinkel der Ellbogen dienen als Indikator für die am Vorabend gezeigten Gangsterfilme.

Treffen nach einem Auftritt Don Corleones Arme teils noch ihre Körper, sind dagegen Schulterpartien verlängernde, im rechten Winkel zum Torso ausgestellte Oberarme ein untrügliches Zeichen dafür, dass Tony Montana jüngst wieder sein Unwesen trieb. Den heutigen Armausrichtungen nach zu urteilen, muss ich gestern „Good Fellas“ verpasst haben. Was für eine Schande!

 

08.-10.04.2016 (107)

Boulevard zerbrochener Träume

Für eine kurze Weile wird die Lagerstraße erneut bevölkert sein. Sträflinge streben schlaftrunken von den Zellentrakten in die Betriebe. Noch dösen sie nach einer schweren Nacht in zerbrochenen Träumen, die sie vor einer in Neonlicht getauchten Kulisse von Wachmannschaften und Stacheldraht, Wachtürmen und Kamerabäumen, bald freilegen werden. So verschieden diese Träume auch sind, nehmen sie alle als Relikte einer längst vergangen Zeit höchsten noch die Rolle eines Souffleurs im absurden Theater der Wirklichkeit ein. Jahre- und jahrzehntelang begegnen einem täglich dieselben Gesichter auf selber Höhe, ohne dass man die einst fruchtbaren Felder des Geistes hinter ihnen erahnen würde. Schlimmer noch: ohne dass es einen interessieren würde. Welch eine Verschwendung!

Die Zeiten des gewalttätigen Terrorregimes überlebte mehr als nur die Barrackenlandschaft. Obwohl eine Unterhaltung, die den Arbeiterfluss nicht hinderte, heute nicht mehr sanktioniert würde, redet kaum jemand. Sträflinge streben schlaftrunken und schweigend zu ihrem Arbeitsplatz. Totaler Triumph machttrunkenen Terrors. Der Geist des Gefängnisses lebt gesünder denn je. Was einst erst mit körperlicher Züchtigung erreicht wurde, wird heute durch freiwillige Mitwirkung der Bestrafungsobjekte erreicht. Obwohl diese Männer alle ihre Träume nähren und versuchen, sie solange als möglich in den Tag hineinzuretten, interessiert der Nachbar bereits nicht, und Traumlandschaften bleiben eindimensional.

Welch eine Verschwendung, dies leicht zu erobernde Schlaffeld der Insubordination herzuschenken! Auf dem nicht ihre Wirklichkeit, nicht ihre Ordnung, nicht ihre sittlichen Fesseln gelten, sondern allein die Kraft hinter unserer Stirn. Keine abgeschmackt absurden Provinzpossen, sondern Welttheater einer der Vernunft entfesselten Vorstellungskraft. Kein Fest für Fesseln, sondern wilde Archaik, ungefilterte Gleichzeitigkeit von Ninive und New York, Hesiod und Habermas. Ein Feuerwerk der Assoziation und Progression, in dem Ehrenurkunden und Verdienstorden ausgedient haben, Allianzen keine Sicherheiten nur vorgaukeln und ausschließlich noch die eigene Verantwortung zählt, rückhaltlos, indiskutabel. Die Arbeitszeit beginnt. Die Straße ist zu Ende, doch der Weg ist noch lang.

 

07.04.2016 (106)

Das Versprechen

Verspricht mein Fenster in die Ferne
sehnsüchtigem Blick zu reisen
könnt sich dieser Weg schon weisen.
Von draußen leuchtet die Laterne.

Das Ziel vor Augen sind die Sterne
oder eben Helgoland.
Fischernetze an der Wand
beleuchtet weither die Laterne.

Die schiefliniert kaltplatte Welt
erkenne ich durchs Fenster bitter.
Vor dem anderen das Gitter
wer weiß, ob das Versprechen hält?

 

06.04.2016 (105)

Äpfel

Gerade gehen mir mal wieder die Äpfel aus. Das ist an sich nicht sonderlich erwähnenswert. Nur eine der legalen Begleiterscheinungen der Haft verwirklicht sich. Stets ist der Mangel an allem, das man möchte, präsent, wie der Überfluss an allem, das man nicht möchte. Nichts von dem Wenigen, das man hat, wird wie selbstverständlich nur mal so nebenbei benutzt. Alles wird bewusst wahrgenommen, wenn darauf zurückgegriffen wird. Ich entsinne mich, einmal vor langer Zeit in meinem früheren Leben in Schweden niemanden auf der Straße beim Rauchen gesehen zu haben. Nicht auf dem Trottoir, nicht an der Bushaltestelle, nirgends, wo ein normaler Europäer mal schnell eine durchgezogen hätte. Dafür waren die Cafés und Bars umso mehr durchdunstet. Wie schön, mit einer Parallele zu Schweden durch den Tag zu gehen.

So wie das Gefängnis neben negativ Überfließendem diesen positiven Mangel als anderes Extrem für seine Behandelten bereit hält, wird es auch das Gemüt verstärken. Sympathie, Antipathie und Indifferenz wachsen als Neigung zur Liebe, als Abneigung zu Hass und als Gleichgültigkeit zu Wurscht. Unbewusst bringt das Gefängnis somit das Wahrhaftigste aus der Menschen Tiefe hervor. Weil das Wahrhaftige meist aber nicht deckungsgleich mit dem Schönen und Guten ist, wird in einem Gefängnis so viel Theater gespielt. Ein Schlechter wird man der Verstärkung ja nicht zu einem Guten, zu einem Schlechteren dafür allemal. Weil der Mensch meist auch keinen widerstreitenderen Charakter besitzt als ein Fadenwurm, hält sich die Anzahl derer, die sich – als Ausnahme von der Regel – nicht vom Guten zum Schlechten wandeln, sondern in der Güte wachsen, in engen Grenzen.

Und genau diesen Wenigen werde ich diesen Text erst zeigen können, wenn es nächste Woche Obst gegeben haben wird. Denn diese Männer würden mit einem Lächeln ihre letzten Äpfel geben.

 

05.04.2016 (104)

Bestimmung

Mitten in der Nacht ertönte ein Laut. Dann Stille. Surren. Die üblichen Überwachungsapparaturen. Da, erneut. Ein Ruf wuchs sich zu Rufen aus. Unstet hüpfend oszilllierte diese unmenschliche Melodie über meine rissige Hirnhaut. Nur die Melodie. Der Ruf fand woanders statt.

Scheinwerfer knebelten das gezwungene Land mit künstlichem Licht. Still. Ein Vogel protestierte, begehrte auf gegen die Vertagung der Umnachteten. Ihr seid wider die Natur, sang er, und ich werde die ganze Nacht, die ihr abgeschafft habt, besingend trauern und hoffend wehklagen.

Am Morgen wird er müde sein, dieser Sänger. So kraftlos, daß seine Erscheinung auf die Frau keinen Anspruch mehr erheben wird. Vielleicht interessiert er sich ja nicht für die Frau, den eigentlichen Menschen. Ein wahrer König und Revolutionär.

 

04.04.2016 (103)

Im Zoo

Mann: Entschuldigens, daß ich stör, gnädige Frau. Aber Sie haben da so ein schönes Exemplar!

Frau: Schon gell? Er ist ganz ein Fescher!

M.: Wie heißt er denn?

F.: Herr Waldi.

M.: Da schau her, der Herr Waldi. Ja griaß Di, Waldi! Dududuzi, Du kloans Zamp…- hat der grad nach mir gschnappt?

F.: Der Herr Waldi mags halt nicht, wenn man so mit ihm redet. Gell, das magst Du nicht?

M.: Warum sollt ers denn nicht mögen? Ist ja noch ein Welpe!

F.: Nein, nein, gar nicht. Er gehört so. Herr Waldi wird nicht mehr wachsen. Schauen Sie mal das Gebiss – da sieht man, daß er schon ein Großer ist. Gell, Du bist ein Großer? Bereits damals, in der guten alten Zeit, immer auf meinem Weg zu einem Bund deutscher Mädel hat er auf mich aufgepaßt, daß es keiner zu bunt mit mir treibt, und ich auch keinen Blödsinn. Und jetzt, wo die Ingeborg und die Waltraut schon so lange tot sind, passt er nurmehr auf mich auf. Gell, Herr Waldi, Du bist nur noch für mich da?

M.: In meinem Lexikon mein ich mal so einen gesehen zu haben. Aber in der Stadt ist mir noch keiner begegnet. Was ist er denn für eine Mischung?

F.: Mischung? Wo denken Sie hin, Herr?! Hör nicht hin, Herr Waldi, das hat er sicher nicht so gemeint. Mischling! Sie wären mir gut. Herr Waldi ist natürlich reinrassig. Ein echter Dominicanis CensoRex Bavarus. Aus feinster niederbayerischer Zucht. Mit einem ganz einem noblen Stammbaum. Soweit können Sie gar nicht rechnen, wie der zurückgeht. Bis ins heilige Jahr 1232. Ursprünglich sollte Herr Waldi ja auch Gregor heißen.

M.: Und warum dann doch ned?

F.: Gregors gabs schon so viele. Schauen Sie nur, wie er strahlt! Von innen. Von außen. Ein Paradeexemplar!

M.: Gebens dem dann bloß ein Filet zum Fressen, weil er grad so ausgschamt glänzt?

F.: Ach nein, Herr, gar nichts. Stellen Sie sich vor, Herr Waldi holt sich alles, was er braucht selber –  da ist er sehr selbständig. Stubenrein ist er übrigens natürlich auch, hinterlässt keine Spuren! Also stuben- und spurenrein sozusagen, hihi. Deshalb liebe ich ihn auch so sehr. Vor allem, wenn er Fremde ein wenig grimmig anschaut, wie Sie gerade jetzt.

M.: Ja, gnädige Frau, wo Sies sagens, ein bisserl grimmig schaut er schon drein, simplgrimmig. Wie kommt er denn dann mit der werten Familie aus, der Herr Waldi?

F.: Das ist ein kleines Problem, da haben Sie Recht. Von denen lässt er nämlich keinen mehr durch. Aber so haben wir mehr Zeit zu zweit, gell, Herr Waldi? Nein, Herr, also familienfreundlich ist er leider nicht. Neuerdings knurrt er auch meine Freunde so böse an, obwohl es eh schon so wenige sind. Da bräuchtest fei nicht eifersüchtig sein, Herr Waldi, gell?! Aber er meints ja nur gut. Ja, ja, er knurrt, und ab und an schnappt er auch zu – wie bei Ihnen vorher. Meistens schnappt er aber nur ein. Unter uns: Ein bisserl feig ist er schon! Wenn ihm was nicht passt, ist er gar schnell beleidigt. Und dann knurrt er. Aber beißen tut er nicht.

M.: Des hamma gern! Ein feiges, kurzhaxertes Zamperl ist der also?! Knurren und ned beißen wollen?! Noch nichtmal laut bellen?! Feine Züchtung!

F.: Mei, Herr, jetzt reden Sie halt nicht so laut! Sein Typ ist doch bei uns wieder so beliebt und verbreitet. Was sollen denn all die Leute hier denken, wenn Sie so schlecht von ihm sprechen?! Vor allem die vielen, die selber so einen haben? Gell, Herr Waldi, das ist nicht fein?!

M.:  Aber dann ist doch Ihr Herr Waldi völlig überflüssig, gnädige Frau, wenn jeder weiß, daß er nur so tut als ob, und, von der Leine gelassen, den Schwanz einzieht. Bei dem sind alle Zähne locker, und je mehr so einen haben, desto mehr wissen´s auch.

F.: Ja, vielleicht schon, aber dann würde auch ein jeder seinen eigenen madig machen und zahnluckerter erscheinen lassen, als er eh schon ist.

M.: Dann fürchten wir uns gar ned vor die Zamperl, sondern nur vor der Gefahr, erkennen zu müssen, daß wir uns alle miteinand was vormachen?

F.: Jetzt reden Sie einmal nicht so geschwollen gschert daher, Herr! Der Herr Waldi ist doch unbestreitbar ein ganz ein Fescher. Schauen Sie sich bloß diese muskulösen Vorderläufe an – die machen doch was her, wenn er sich aufbaut!

M.: Ja, gnädige Frau, fesch, fürwahr!

F.: Und sagens nicht immer ‚gnädige Frau‘, Herr. Ich bin keine gnädige Frau!

M.: Das tut mir leid. Auf Wiedersehen!

 

01.-03.04.2016 (102)

April, April

Nicht einmal im Gefängnis ist man gegen die Epidemie schlechter Aprilscherze gefeit. Wenn unwitzige Unholde, die das Jahr über alles übelnehmen und Ironie als Mädchennamen verstehen, auf Kommando die Berufung verspüren, lustig und kreativ in einem sein zu müssen, ist das Missgeschick bereits geschehen. Zuweilen indes triumphiert noch die intelligente Spontaneität über groben Stumpfsinn – auch im Gefängnis.

‚Hey Du, der Ander hat dich beim Beamten angeschwärzt!‘ stand so kürzlich als Ergebnis durchwachter Nächte der Jagd nach dem Musenkuß, in denen detaillierte Pläne geschmiedet, endlos durchgespielt, und endlich in nervenzerreißender Präzision ihrem Schicksal in der dramaturgischen Formvollendung überlassen wurden, plötzlich im Raum. Es durften keine Ungewissheiten beim Adressaten aufgrund vielleicht doch übersehener Ungenauigkeiten in der Story geweckt werden, also: ‚Ich hab’s selber gesehen!‘

Du setzte sich sofort in unverkennbarer Entschlossenheit, den Andern zu bestrafen, in Bewegung. Um nicht zuviel von der sich abzeichnenden Tragödie in den Alltag schwappen zu lassen, löste unser Autorenregisseur sein Meisterwerk mit einem allseits vernehmbaren ‚April, April‘ auf. Nur Du stürmte unbeirrt weiter auf des Andern Haftraum zu und verschwand darin. Als er kurz darauf wieder ins Neonlicht trat und selig lächelnd seine Fingerknöchelgelenke massierte, war dem Unhold seine Geschichte entglitten. Daß nun der Ander erschien, in zerfleddertem Gewand, sich die Nase haltend, Tränen aus den Augen zu reiben schien und kopfschüttelnd auf den Schöpfer dieser Szenerie zuwankte, gab diesem den Rest. ‚Das hab ich doch nicht gewollt‘, wimmerte er wenig viril. ‚Es sollte doch nur ein Aprilscherz werden.‘ Darauf der Ander: ‚Das ist es doch jetzt auch.‘ Und nur der Unhold lachte nicht.

 

31.03.2016 (101)

Vorahnung

Seltsame Meinungen gibt es. Ergebnisse seltsamer Gedanken, gesät und geerntet auf seltsam entrückten Feldern, bar jeder Erfahrung. Anzunehmen, dem Schrecken wäre Furcht vorzuziehen, weil man sich auf diese einstellen und in ihr einrichten kann, während jener stets das unsichtbare Schwert eines möglichen Herzinfarktes schwingt, hieße, mindestens die Alten verleugnen, welche wußten, daß eine gesamtheitliche Läuterung erst nach einer seelischen Erschütterung möglich ist.

Bis ich es mit echtem, existentiell erheblichem Unheil zu tun kriegte, verleugnete auch ich die Alten. Jetzt nicht mehr. Denn ich weiß, daß ein endlich eingetretenes, vorausgesehenes Unheil ungleich schwerer zu ertragen ist, als ein unerwartet ums Eck lugender Schreck. Wenn nicht das Unheil, sondern nur der Zeitpunkt seines Eintretens ungewiss ist, durchleben wir in diffusen Ängsten unbestimmbar, unzählbar, unendlich die Qualen, welche untragbar werden, wenn sie sich mit denen des geschehenen Unheils vereinigt haben. Der Schrecken als Episode ist dabei nichts als eine willkommene Abwechslung.

 

30.03.2016 (100)

Kreislauf

Von den Särgen wird nichts bleiben
als ein grauer Mauerstein.
Von denen, die mit mir leiden
wird es nichtmal soviel sein.

Blumen, Teil des toten Kranzes
nähern sich dem Nichtse an.
Blühen erst wieder als Ganzes
auf verwestem, letzten Mann.

 

29.03.2016 (99)

Begriffsverwirrung

Wenige würden der Behauptung widersprechen, daß Äpfel und Birnen keinen reinen Calvados ergeben; und dies wohl nur dann, wenn ihnen der Unterschied dieser Früchte verborgen geblieben wäre. Erstaunlich undifferenziert geht demgegenüber die öffentliche Diskussion mit allgemeinen Begriffen um. Stehen diese nicht fest, beziehungsweise gehen die Gesprächspartner von unterschiedlichen Bedeutungen aus, ist Verwirrung vorprogrammiert.

So ließ das Chefredaktionsmitglied der überregionalen, ehemaligen Münchner neuesten Nachrichten in einer unlängst ausgestrahlten TV-Dokumentation wissen, daß sich unschuldig Verurteilte in Haft bestenfalls zu Querulanten entwickelten. Nun ist ein Querulant jemand, der entweder krankhaft oder boshaft prozessiert und bei jeder Kleinigkleit quengelt. Haben wir uns auf diese Definition geeinigt, erlaube ich mir die Feststellung, daß ein Unschuldiger in Haft, der auf seine Unschuld pocht, mit einem Querulanten nichts gemein hat. Weder lässt sich bei ihm ein pathologisch messbarer Zustand festlegen, der ihn im Vergleich zu seinen Mitmenschen als krank ausweisen würde, noch wird eine, wie auch immer zu attestierende, etwaige Bosheit mit seiner Unschuldsbeteuerung in Zusammenhang zu bringen sein. Wieweit jedoch die ungerechtfertigte Verurteilung nur eine Kleinigkeit bedeutet, ließ sich am Schulterzucken des juristisch hoch dekorierten Sprechers ablesen,  mit dem er Unrechtsurteile als Normalität der Justiz abtat.

An dieser Stelle sei eine kurze Zwischenfrage gestattet: Warum äußert sich dieser Kommentator erst nach einem rechtskräftigen Urteil öffentlich, obwohl ihm die untauglichen, doch urteilsbegründenden Argumente im Vorfeld bekannt waren – so wie ihm nun Informationen zu anderen vergleichbaren Fällen vorliegen, zu denen er ebenso beharrlich schweigt. Immerhin wäre Journalismus, frei nach George Orwell, etwas zu sagen, von dem jemand will, daß es nicht gesagt wird – und alles andere Public Relations. Aus der Perspektive eines unschuldig Verurteilten jedenfalls ist die Einordnung des ihm angetanen Unrechts als Kleinigkeit nichts als Hohn.

Einer der auszog, das ihm angetane Unrecht zu vergelten, war Michael Kohlhaas, Ahnherr des gleichnamigen Syndroms. Nun verwundert es nicht, daß auch dieser Begriff von einem ehemaligen Mitglied der Straubinger Zuchthausführung in einem erstaunlich offenen Gespräch mit der zwölften Ausgabe des Hamburger Nachrichtenmagazins falsch verwendet wurde. Entscheidend für das Vorliegen des Kohlhaas-Syndroms ist nämlich die Hingabe jeglichen Rechts seitens des Probanden zugunsten der eigenen Rache und die daraus resultierende Zerstörung des eigenen Umfelds.

Ein Gefangener, der sich gegen – zunächst vermeintliches – Unrecht zur Wehr setzt, wird vielleicht zu einem Pedanten, aber nie zu einem Kohlhaas. Da er dem Apparat in jedem Belang physisch unterlegen ist, bleibt ihm als einzige und letzte Waffe das Wort, als Arena das Gesetz. Er kann es sich nicht leisten, an der Realität oder am Gesetz vorbei zu argumentieren, weil bereits damit sein Kampf vom Souverän de facto beendet würde. Er kann es sich nicht leisten, regelmäßig ein ‚Versehen‘ für verfehlte Argumentation und verdrehte Tatsachen anzuführen; das kann nur eine unfehlbare Justiz als körperlich überlegener Repressor, um danach weiterzumachen, als sei nichts geschehen. Wohl sähe es bei Waffengleichheit anders aus. Solange der Häftling jedoch faktisch hilflos ist, befindet er sich allein auf dem Boden des Gesetzes – er kann ja nicht anders. Sein Umfeld wird er also bereits mangels Strudels nicht in sein Schicksal mit hineinreißen können. Das geschah vielfach eh schon vorher.

Wenn es endlich ich gewesen sein sollte, der diese beiden Experten auf ihrem Gebiet zu Unrecht einer Begriffsverwirrung zieh, bitte ich aufrichtig um Verzeihung. Welches Motiv aber dann hinter absichtlich ungenauer Begriffsverwendung steckt, möchte ich gar nicht wissen..!

 

24. – 28.03.2016 (98)

Feiertage

Christliche Hochfeste bieten in unchristlich-unsozialen Zeiten eine willkommene Gelegenheit für herrschaftliche Mysterienspiele aller Art. Wundern darf es dabei niemanden, wenn das weltliche Vermögen göttlicher Stellvertreter mit aktueller Völkerwanderung um Milliardensummen zunimmt, während vor leerstehenden kirchlichen Immobilien Flüchtlinge frieren. Ebenso wenig sollte der Zuschauer des globalen Theaters nach Regisseuren marodierender Terrortruppen suchen, weil er sie sonst noch auf den Lohnlisten der Weltbühnenintendanz fände – alles, versteht sich, zum Wohle des Publikums.

Vor solch einem Spektakel vernimmt man die leisen Sorgen der freistaatlich Festgesetzten kaum. Obwohl nur schwerlich mit diesem vergleichbar, sind sie dennoch da: Die Sorgen, vor allem zu diesen Zeiten, die man am sehnsüchtigsten mit jemandem zusammen verbringen möchte, am intensivsten von der Welt isoliert zu sein. Wenn unauslöschliche Erinnerungen an geteilte Zeiten und Osterfladen sich im kurz aufblitzenden Gefühl wohliger Wärme ums Herz nur als Täuschung erweisen, in der die innere Eiseskälte den Verstand zu sprengen droht, ist eine verriegelte Stahltür ohne Griff noch schwerer zu ertragen als sonst. Gegen diese Einsamkeit hilft nichts mehr. Sie ist körperlich und seelisch, aufgezwungen und endgültig. Der Einsame unter Vielen in der anonymen Großstadt hat immerhin noch die Theorie als Ausweg. Eine Theorie, die es hier nicht gibt. Die feiertägliche, euphemistisch als ‚Ferien‘ bezeichnete Zeit, manifestiert nur den von den geliebt Gebliebenen. Einschlusszeiten weiten sich aus; keine Zeile dringt durch die Mauern, da auch offiziell keine Briefe befördert werden. Hat der Entfreite dank seiner feinen Rezeptoren Hinweise auf Ereignisse, die mangels Möglichkeiten etwas zu hinterfragen oder gar zu tun, mindestens eine menschliche Reaktion von ihm erwarten ließen – und sei es, einfach nur zu weinen, bleibt er stumm, weil taub und blind. Nur die Gedanken spielen Ping Pong in seinem Schädel und schaukeln sich hoch; aus Einsamkeit wird Verlassenheit. Ein Fest der Liebe wäre geschafft – Gott sei Dank.

 

23.03.2016 (97)

Frohe Ostern!

Pünktlich zur jährlichen Wiederkehr des Gedenkens an das ewige Leben, wird der Tod endgültig abgeschafft. Die frohe Kunde ereilt uns, wie so oft in letzter Zeit, aus dem Silicon Valley, in dem fortschrittliche Amerikaner sich künftig weigern wollen zu sterben. Der Gedanke an die verpasste Zeit, die so gewonnen werden könnte, hat durchaus seinen Reiz. Einen Reiz, dem auch künstlich intelligente asiatische Adepten erlegen sind. So scheint es bei dem Wettrennen zur Unsterblichkeit zu einem Zweikampf zu kommen, denn der aufgeklärte Europäer, dessen einzig höhere Mächte sich zwischen DAX und Doktorat bewegen, hält sich auffällig zurück. Ohne professorale Echtheitsexpertise und sachverständige Unbedenklichkeitsbescheinigung würde dieser ja das vom Himmel gefallene Manna gar nicht anrühren. Für lebenslängliche Unsterblichkeit gibt’s im übrigen auch keine Fakultät – also Pfui!

Indes liegt die Bildung des Geistes und des Herzens auf den ungebrochenen Schwingen eigener Erfahrung, erhoben zu den entferntesten Gipfeln der Erkenntnis, die, zunächst im Nebel, sich zunehmend enthüllen, selbst wenn sie nie eine geeignete Landefläche bieten wollten. Im Gegensatz hierzu wird für die meisten noch so isoliert Intelligenten ihre Bildung eine Gletscherspalte bleiben, in der sie, einmal hineingestürzt, die Sterne auf ewig nur über ihre hochauflösenden Monitore betrachten können.

Die weniger Isolierten unter ihnen spüren zwar die Fackel in ihrem Rücken, verstärken aber dennoch die Mauer davor. Sie wollen sich befreien mit einer Pilgerschaft ins eigene Ich, isolieren sich mit diesem ersten notwendigen Schritt jedoch noch mehr, weil ein zweiter, noch notwendigerer ausbleibt. Sie bleiben in ihrem Streben nach Unsterblichkeit beschränkt auf ein Menschenleben, das sie als allgefälliges Modell verabsolutieren. Vielleicht hülfe bereits die kurze Befassung mit der uralten Frage, wie wohl ein religiöses Pferd sich seinen Gott vorstellen würde. Eine Lösung ihrer Suche kann nicht in idolatrischem Egoismus liegen, der maximal einem Menschenleben verhaftet bliebe – vielleicht auch nicht in einem kaleidoskopischen Altruismus, der immerhin seinen eigenen beschränkten Horizont aufzubrechen versuchte. Diese Pilgerschaft ins fremde Ich wäre aber in jedem Fall die einzige Möglichkeit, die funktionieren könnte, die Begrenztheit des eigenen Ichs in jede Richtung zu überwinden, weil es den Anderen immer geben wird. Ob das für die Unendlichkeit reicht, wird sich rechtzeitig herausstellen. Bis dahin wollen wir den Fels von unserem Höhleneingang wegrollen, an die frische Luft treten und Ostereier suchen.

 

22.03.2016 (96)

Rückblick

Leck mich am Arsch, was haben die mir schon Anstand
aus dem Körper geprügelt!
Ich glaube, ich muss jetzt ein Lied spielen,
sonst hasse ich mich und die Welt.

 

21.03.2016 (95)

Flüstern

Tötet nicht die Toten, die,
unerhört enttäuschte Echos,
einst zu Opfern ihrer Taten,
wie Ihr’s würdet, wurden.

In Luftspiegelungen ist
versunken die Versprechung.
Unendlicher Erfüllung Ort,
nur nicht für die Toten.

 

18. – 20.03.2016 (94)

Mikrophon für manche

Ein Zweck des bayerischen Strafvollzugs ist es, die absolute Leidenschaftslosigkeit seiner Probanden zu erreichen. Da diese in den meisten Fällen zunächst anderer Meinung sind, bedarf es zur Zwangsbeglückung besonderer Mitel. Was vor Gericht noch ‚Fürsorgepflicht‘ heißt, firmiert nach der Aburteilung als ‚Behandlungsauftrag‘. Beider Funktion ist dieselbe: Die Behauptung, Gutes für das Zielobjekt zu wollen und das faktische Gegenteil dessen zu verwirklichen. Endzweck ist die völlige, bedürfnislose Glückseligkeit, wobei doch die Bedürfnislosigkeit im Vordergrund steht, denn wer nichts bedarf, ist pflegeleicht. Dieser Zweck ist von solch übergordneter Wichtigkeit, dass er über jegliches Hindernis hinwegehoben wird, selbst wenn das ein Gesetz oder eine gerichtliche Entscheidung sein sollte. Nur denjenigen, die sich mit hehren, auf Gesetzesblätter gedruckten Worten, in einer schönen alten Welt verorten, jede Störung unter den Teppich kehren, sollte an Folgendem nichts ungewöhnlich scheinen.

Jüngst besuchte mich ein Journalist aus Deutschland. Nachdem selbst die hiesige Justiz ihre ursprüngliche Argumentation, wonach Film- und Tonaufnahmen in einem hermetisch abgeriegelten Kämmerlein von zehn Quadratmetern die Anstaltssicherheit zu gefährden in der Lage gewesen wären, für zu angreifbar (nicht: zu blöd) erachtete, passte man die Ablehnung von Elektronik an. Nun wurden dem Journalisten von den höchsten Honoratioren der bayerischen Wahrheitsbehörde Film- und Tonaufnahmen im Zusammenhang mit mir verboten, weil diese einen negativen Einfluss auf meine Persönlichkeitsentwicklung haben. Dem Behandlungsauftrag sei Dank, darf man sich so weiterhin ungestört von der Außenwelt um meine seelische Gesundung kümmern. Dass bei dem Entscheidungsprozess der für mich zuständige Hauspsychologe nicht beteiligt war, tut nichts zur Sache – immerhin wäre es eine gute Gelegeheit gewesen, ihn kennenzulernen; der bayerische Strafjurist im Staatsdienst kennt als Krönung seiner Art die Wahrheit aber auch ohne diese Hilfswissenschaftler schon.

Der Journalist kündigte mir also kameralos im leeren Kämmerlein isolierte Außenaufnahmen vom Zuchthausgebäude für den nächsten Tag an. An diesem Samstag erwartete ihn die Anstaltsleitung (an ihrem freien Tag) bereits mit einer zu unterzeichnenden Unterlassungserklärung, für den Fall er das Anstaltsgelände betreten wolle. Im gleichen unterirdischen, und nicht nur deshalb fensterlosen Loch, besprachen zwei Wochen später meine Verteidiger mit mir den Inhalt meines Briefes an diesen Journalisten, der begründungslos angehalten worden war. Unmittelbar nach diesem Anwaltsgespräch erhielt ich besagten Brief ohne Begründung ausgehändigt.

Ich wusste bereits, dass diese Besuchsräume abgehört werden. Nun darf ich auch darüber spekulieren. Keine Spekulation indes kann es über die Frage geben, ob das Abhören eines Journalistengesprächs ohne Ankündigung illegal war, das eines Verteidigergesprächs gar ein Sakrileg – zumindest nach hehren, auf Gesetzesblätter gedruckten Worten.

 

17.03.2016 (93)

Wichtlmänner

Wichtlmänner feiern ohne
Eier ihre Wortschablone,
wo ein Nein ein Ja sein darf
nach hoheitlichem Bedarf.

Ernst wenn wir unsere sinnenhafte Wirklichkeit für eine höhere Realität eingetauscht haben, darf der wirklich gute Satz auch mißverstanden werden. Erst wenn ein konkreter Anblick, bisheriger Bedeutung entledigt, von einer entrückten und unfaßbaren Wirklichkeit zeugt, wird seine Beschreibung auch als Gegenteil überzeugen können. Erst mit der Allperspektive wird alles erlaubt sein. Vorher bleibt ein Wichtl ein Wichtl.

 

16.03.2016 (92)

Wahnsinn mit Methode

Ein Straubinger Lebenslänglicher ist seit über zwanzig Jahren inhaftiert. Das heißt nicht, dass er gebürtiger, oder gar Wahlstraubinger wäre, sondern nur, dass er den Großteil seines Lebens bereits im ortsansässigen Zuchthaus verbracht hat. Seit knapp zehn Jahren wären Lockerungen durchzuführen. Das heißt, im Hinblick auf eine eventuelle Entlassung soll Freiheit wieder eingeübt werden. Zunächst mit begleiteten Ausführungen in die Gesellschaft, dann mit unbegleiteten Ausgängen, zuletzt mit Aufenthalten jenseits der Gefängnismauer über Nacht: dem sogenannten Urlaub. Soweit das Gesetz und höchstrichterliche Rechtsprechung aus Deutschland in der Theorie. Praktisch wird bereits der erste Schritt für viele Lebenslängliche Illusion bleiben. Erst recht in Bayern, denn in der Provinz ist noch Platz für Massengräber und Humus im Gäuboden sehr gefragt.

Der sich mangels Alternativen selber resozialisierende Häftling pocht auf präzise Einhaltung des Rechts. Manche nennen ihn pedantisch. Er geht gerichtlich gegen die seitens der JVA Straubing begründungslose Versagung seiner Lockerungen vor. Vor dem ersten deutschen Gericht, welches das Gesetz nicht nur kennt, gewinnt er. Das Bundesverfassungsgericht gibt ihm in allen Punkten Recht und verpflichtet die Straubinger Rechtsvergewalt zur rechtsrespektierenden Neuverbescheidung. Diese Entscheidung wird von führenden deutschen Strafrechtlern gelobt und seitdem als mustergültig herangezogen. Der sie erwirkt hat, erhält seitens der JVA Straubing eine begründunglose Versagung seiner Lockerungen. Das Bundesverfassungsgericht wird in diesem anstaltlichen Beschluss mit keinem Wort erwähnt.

Die alltägliche Weigerung, Entscheidungen selbst des Bundesverfassungsgerichts umzusetzen, erhielt in der juristischen Lehre den Namen ‚Renitenz der Vollzugsbehörden‘. Wenn nun ein renitenter Justizrat seine Entscheidung nicht korrigieren kann, selbst wenn sie sich im klaren Widerspruch zur objektiven Realität verhält und mit dem Urteil gesunder Mitmenschen und Mitjuristen nicht vereinbar ist, wird in der Schulpsychiatrie von einer wahnhaften Idee gesprochen. Seine unerschütterliche Überzeugung ohne ausreichende Begründung charakterisiert seinen Wahn – der in diesem Zuchthaus immerhin Methode hat.

 

15.03.2016 (91)

Memento mori

Der Theologe argumentiert theologisch, der Geologe geologisch, der Idiot idiotisch. Nicht ganz so einfach ist der Rückschluss bei einer faschistischen Argumentation. Ignazio Silone wusste, dass der neue Faschismus nicht sagen würde: Ich bin der Faschismus, sondern: Ich bin der Antifaschismus. Da Faschisten per se keine Idioten sind, wissen sie sehr wohl um die Bedeutung ihrer Worte. Nur lassen sie sich, trotz entsprechender Argumentation, ungern als Faschisten bezeichnen. Es ist halt so ein hässliches Wort. So unterdrücken sie diejenigen, die sich noch nicht von ihrem Terror haben einschüchtern lassen und sie heißen, was sie sind. Und sie unterdrücken deren Stimme, denn was nicht gesagt wird, ist nicht.

Um die ständige innere Unruhe meiner Zensoren, die beim Lesen dieser Zeilen kaum abnehmen wird, dauerhaft zu lindern, gäbe es eine einfache Lösung und pawlow’sch anmutendes Gebell wiche seidig souveräner Ausgeglichenheit: Man stelle sich seine eigene Beerdigung vor. Eine einfache Übung für jedermann. Vor jeder Entscheidung und, um Hektik zu vermeiden, gleich morgens mit dem Frühstückstee. Der Vorteil ginge über die Möglichkeit hinaus, die Zusammensetzung der Trauergesellschaft und die letzten Worte des Pfarrers bestimmen zu können. Der Gewinn läge vielmehr in der einfachsten und am häufigsten verdrängten Erkenntnis der Vergänglichkeit und der damit einhergehenden begrenzten eigenen Bedeutung. Wer von uns, der noch nie Gedanken an die eigene Sterblichkeit hätte fahren gelassen? Erfahrungsgemäß muß man dabei aber zumindest von einer temporären Bewustseinstrübung ausgehen. Es werden Zeiten kommen, da Andere unsere Worte und Taten beurteilen werden. Und Andere, und wieder Andere. Allen gleich und unverändert werden aber nicht mehr unsere, noch andere Gesetze sein. Als alleiniger Maßstab, vor dem wir heute schon bestehen wollen sollten, dient dann nur noch die conditio humana.

 

14.03.2016 (90)

Bedingung

Wenn konkreter Justizrat sich von meiner Aussage, die ausdrücklich nur unter der Bedingung Gültigkeit erhalten sollte, dass ihre Behauptung, der (allgemeine) Justizrat sei (seit jeher) dümmer als sein Vorgänger, wahr sei, beleidigt fühlt, erfüllt er mit seinem im Indikativ vorgetragenen Vorwurf die Bedingung selber. Ich hätte nie gedacht, dass die Voraussetzung zutrifft.

Leider verhindert hinzutretende Feigheit eine Strafanzeige, so dass ein behauptetes Beleidigt sein zwar für eine erneute Zensur des Eintrags (#88), nicht jedoch für ein öffentliches Verfahren reicht.

 

11. – 13.03.2016 (89)

Tango

Von Diana heftig gedrängt
taten wir es dem sanften Land
mit seinem Schneehemd gleich.
Der Geruch jenes Weiß‘
in heutiger Brise,
auf der ich meine Traurigkeit ablegte.

 

(88)

Aristoteles für Arme

Zensiert mit Anhalteverfügung der JVA Straubing

 

09.03.2016 (87)

Machtverlust

Ein Blick auf die Erscheinung unserer Organe der Unterdrückung entschleiert sogar dem Schulpsychologen im Staatsdienst deren Werdegang. Fehlendes Format führt zu Ausschluß, Verdrängung, Verdeckung, Zensur und Abstraktion des Anderen. So könnte nach Pasolinis Thesen Faschismus als ‚Gewalt der Macht‘ aussehen.

Macht kann sich im Unterschied zu blanker Gewalt aber mit einem Sinn versehen. Dieser Sinn als übergeordneter Bezugspunkt des Handelns liegt den Prämissen der Gesetzes und des Auftrags, aufgrund derer diese Personen als Machtnomaden überhaupt existieren. Verlassen sie mit ihrem Handeln den Weg, den die Prämissen vorgeben, haben sie sich selber der Legitimation als Legalmacht beraubt. Ihnen bleibt als einziges die Realmacht, die sie in Umkehrung der Legalvorgaben nur noch durch Terror gegenüber dem Anderen ausüben und aufrecht erhalten können. Mit diesem Schritt zerstören sie zweierlei: Erstens die Idee und den Auftrag der sie ursprünglich Legitimierenden, und zweitens ihre eigene Machtbasis, die mit Loslösung von einer Sinnverbindung auf das Stadium nackter Gewalt hinabsinkt.

Fehlendes Format hingegen hindert sie daran diesen selbstverschuldeten Verlust ihrer Macht der Mittelmäßigkeit zu erkennen. Einer Macht, die sie über diejenigen unverstandenen Verzweifelten, die daran denken sich zu töten, nie gehabt haben.

 

(86)

Zensiert mit Anhalteverfügung der JVA Straubing

Dank kreativer, konventionsloser, doch legaler Zustellung:

(Lügenmärchen), urspr.: „Hoch auf dem gelben Wagen“

Solange der erigierte Zeigefinger lustvoll im Leid aufrührerischer russischer Muschis stochert, sind die Rollen von Gut und  Böse verteilt und es ist klar, dass daheim keine Musik spielt. Zwangsarbeit bis zum Umfallen, Entzug lebenserhaltender Medikamente und die  Zuführung ad hoc das Leben verkürzender. Staatlicher Drogenhandel in großem Stil, Misshandlung Schutzbefohlener, Vortäuschung einer Flucht zur Erlangung von Extramitteln aus der Staatskasse. Nötigung, Urkundenfälschung, Diebstahl, Körperverletzung, Totschlag, geschehen solange nur bei den anderen, wie es die fehlende, hochheilige Rechtskraft deutscher Gerichtsbarkeit verbietet, das Gegenteil zu behaupten. Also wird auf unserer Bühne der behördlich geförderte Suizidreigen auch nur backstage getanzt.

Viel einfacher als öffentlich sauber meine Lügen als eben solche im Rahmen eines Strafverfahrens nach einem beliebigen Beleidigungstatbestand feststellen zu lassen, ist das Kapern der Postkutsche. Wenn niemand von solchen Vorwürfen erfährt, gibt es auch nichts zu vertuschen. Bereits vor dem letzten Jahreswechsel erhielt ich nur noch angekündigte, private Post; das heißt, alles andere wurde kommentarlos einkassiert, als ob nie etwas im Haus angekommen wäre. Nun ist man dazu übergegangen, den bereits beschnittenen persönlichen Kontakt zu letzten kritischen Pressevertretern auch auf den Postverkehr auszuweiten. Das heißt: Komplettisolation. Private Meinungsäußerungen und die Weitergabe amtlich protokollierter Tatsachen werden zensiert. Das Jahrtausende alte Spiel verängstigter Diktatoren namens damnatio memoriae hat die Provinz erreicht.

Mangels rechtskräftigem Urteil behaupte ich natürlich nicht, dass ich ohne diese Öffentlichkeit, von der ich gerade mit aller Gewalt und allen Mitteln ferngehalten werden soll, längst den in diesen Fällen üblichen Weg in die Katakomben der Anstaltspsychiatrie dieses Zuchthauses gegangen wäre. In die Dunkelkammern, die schwarzen Doktoren als Experimentierstube und Spielplatz ihrer Sadismen dienten. Schwarzen Doktoren, deren Pillen sich gar in Blutbahnen weiblicher Strafverfolger aufgelöst haben. Denn das, liebe Kinder, ist eine meiner Lügenmärchen, das ich Euch ein andermal erzählen werde.

 

07.03.2016 (85)

Taigyō

Wenn die Japaner sich mit ihrer ausschweifend kombinationsfreudigen und an Bildern reichen Sprache damit begnügen, sowohl für ‚Sabotage‘ als auch für ‚Dienst nach Vorschrift‘ einen einzigen Begriff zu verwenden, haben sie sich dabei wohl was gedacht. Weder in der geschriebenen noch in der gesprochenen Sprache machen sie einen Unterschied: als ‚taigyō‘ ist beides eins.

Damit wäre eine Überleitung zu hier heulenden Häftlingshorden, die, sich Kleider vom Leib reißend, ein Königreich für ‚Dienst nach Vorschrift‘ gäben, mißglückt, würde sie nicht schon von Anfang an die Ausnahmen von diesem Wunschbild im Blick gehabt haben. Aktiv vergessen, blieben wahre Helden unbekannt. So bleiben diese Ausnahmen des Strafvollzugs bewußt ungenannt, weil der heutige Leviathan seine Opfer auch im Innern sucht.

Es gibt sie noch, diese schützenswerte Spezies der Ungenannten mit Herz und Hirn, die sich an ihren auf die Verfassung und freiheitliche Ordnung geleisteten Eid erinnert, in dem seit 70 Jahren keine Folgeverpflichtung an eine personale Staatsspitze mehr beschworen wird. Der es zudem nicht nur dämmert, geschworen zu haben, sich dieser freiheitlichen Ordnung widersprechenden Anweisungen zu widersetzen, sondern die entsprechend dieser Erkenntnis handelt. Mein Dank gilt diesen traurigerweise ausgesucht mutigen Frauen und Männern, die eine unmenschlich perfekt geschmierte Terrormaschine ab und an zum Stottern bringen, so daß wir alle mal kurz durchatmen können.

Vielleicht erhält eine irrtümlich angenommene Enge des taigyō dank dieses Sabotageverständnisses eine ungeahnt ambivalente Weite. Um reinen Zufall muß es sich hingegen bei dem Umstand handeln, daß das sinngebende Wortschriftzeichen aus taigyō in anderem Zusammenhang auch dem ‚Faulpelz‘ als begriffliche Grundlage dient.

 

04. – 06.03.2016 (84)

Mimikry

‚Ich bin so allein. Niemand spricht mit mir. Auch wenn sie mich alle für zurückgeblieben halten, erkenne ich sehr wohl, dass sie ihr eigenes verkrümmtes Selbstwertgefühl auf meine Kosten, an meinem Elend, aufrichten wollen. Wenn sie zu mir sprechen, bestenfalls. – Kommt nur, ja, da ist einer, dem geht es dreckiger als Euch! Dabei haben sie doch alle noch jemanden. Oder fast alle. Vielleicht. Zumindest macht es den Eindruck, oder sie machen den Eindruck. Ich finde mich wenigstens damit ab, dass ich fallengelassen und vergessen bin, von allen, die mir lieb waren. Bin ja selber schuld.

Ich bin so allein. Nur der Fernseher spricht mehr zu mir und ich werde kauzig darauf. Meinen sie, oder ist es so? Bin ich es bereits, wenn sie es denken und ich noch nichts von meinem Zustand ahne? Ist es so? Werde ich durch ihre herablassenden Blicke in meinem Verlassensein auch noch einsam? Von mir selber im Stich gelassen? Keiner glaubt an mich, ich sehe das. Kann ich verstehen. Ich bin auch schon soweit. Aber wozu kämpfen? Für wen, wenn niemand da ist, dem es nicht egal wäre, ob man duftet oder stinkt? Die einzige Wärme, die ich noch spüre, ist die vom Anblick eines anderen auf mich als Nicht-Verlassenen, da nur der akzeptiert wird, der akzeptiert ist.

Ich bin nicht verlassen. Die Zeitung auf dem Geländer vor meiner Zellentür beweist es. Jemand denkt an mich und hat mir seine Zeitung hingelegt. Zum Lesen. Aber dafür ist sie doch viel zu schade – als ein Zeichen dafür, dass jemand an mich denkt. Ein Zeichen, das jeder sehen kann, ohne auf mich blicken zu müssen. – Schaut alle her, hier vor meiner Tür liegt eine Zeitung, die nicht die meine ist! Jemand hat sie hier hergelegt, der mich für ihrer würdig erachtet. Vernehmt es und blickt nicht mehr herab auf mich, denn ich bin nicht mehr allein!

Ach‘, sagte sich Hubsi, ‚ich kann die Zeitung noch bis morgen liegenlassen. Bis dahin wird sich ja nichts ändern.‘

 

03.03.2016 (83)

Resozialisator

„Nur die Dummen zweifeln nie.“ Diese größte Gefahr für die Zukunft der Menschheit nach Bertrand Russell, lässt sich auch auf die Kaste staatlicher Stempelschwinger übertragen. So kann jedes noch so bedeutsame Rad im Getriebe der Untertanenabrichtung persönliche Verantwortlichkeit für zukünftige Entscheidungen bereits prophylaktisch im Dickicht eines bis ins Kleinste ausgetüftelten Terrorinstrumentariums verschwinden lassen. Keiner hinterfragt Maßnahmen aufgrund eines Gesetzes, seien diese noch so absurd oder die Motive des Gesetzgebers noch so zweifelhaft.

Sekundärtugendhaft änderte man also aktuell die Anklage gegen mich, vom Besitz einer nicht individualisierten Trainingsjacke in die Verurteilung bereits wegen ihres Empfangs. ‚Ohne Zustimmung dürfen sie (die Gefangenen) Sachen weder abgeben noch annehmen, außer solche von geringem Wert‘, Art. 90 I 2 BayStVollzG. Diese Regelung entstammt dem Gesetz, dessen eine Hauptprämisse ‚Resozialisierung‘ heißt. Der Kreis schließt sich. Meine erste Hausstrafe erhielt ich für das Verleihen einer Jogginghose. Nun wird die Annahme einer Trainingsjacke als Geschenk bestraft. Allein die vordergründige Gedankenlosigkeit, mit der solche Strafen wie am Fließband ausgesprochen werden, trügt.

Das Wissensmanagement in der juristischen Bürokratie wird so virtuos gehandhabt, das heißt, das Wissen so geschickt verteilt, dass es immer mit dem beamtenrechtlich nötigen Nichtwissen gepaart wird. Langfristig wissen die mit Übersicht natürlich, dass sie mich mit dem erneuten Entzug des Fernsehers oder der getrennten Unterbringung nicht brechen werden. Darum geht es aber auch nur für die Verständnislosen. Tatsächlich setzt man bereits bei den Einkaufsverboten an. Indem einem jede legale Möglichkeit genommen wird, ein jedem anderen zugebilligtes Minimum an materieller Selbstverständlichkeit aufrecht zu erhalten, wird man in die Illegalität gedrängt, (auch) um bestraft werden zu können. Entscheidend und fatal an dieser Politik, der die meisten und stärksten Probanden auf Dauer nicht widerstehen, jedoch ist, dass Delinquenz mit den Jahrzehnten, während derer man vom offenen Weg auf dunkle Umleitungen gezwungen wird, auch das Wesen eines bislang nicht oder nur äußerlich Kriminellen metastasiert.

 

02.03.2016 (82)

Da Diszi

Nach legislativ getanem Tagwerk schreitet der Straubinger Hausjurist wöchentlich zweimal fort, seinen judikativen Verpflichtungen Volk und Vaterland gegenüber nachzukommen. Jetzt kann geerntet werden, was mit Verfügungen à la ‚Kein Geschirr am Geländer abstellen‘ oder ‚Das Stehen unter der Zentrale ist verboten‘ gesät wird.

Im Rahmen sogenannter ‚Strafrapporte‘ diszipliniert man Gefangene, die gegen solche Verbote verstoßen haben. Hat man ein so inniges Verhältnis zu diesen Disziplinarverfahren im kleinen Dunklen wie ich, darf man auch ‚Diszi‘ sagen. In ständiger Sorge, keine Gefühle der Überflüssigkeit bei den für mich zuständigen Anstaltsjuristen entstehen zu lassen, bin ich regelmäßig Gast in diesen Show- und Strafveranstaltungen.

Anlässe zum Strafen setze ich Schlingel dabei fortwährend, wobei ich mittlerweile die hohe Kunst beherrsche, gerade erst vor Ort erfundene Regeln bereits verletzt zu haben. So verleihe ich schon mal gerne eine Jogginghose, bereite mir einen Obstsalat zu, oder stehe einfach mal unmotiviert herum. Ganz richtig erkennt der weise Wahrheitssprecher darin eine mafiöse Geschäftemacherei, die Herstellung alkoholischer Getränke oder die Behinderung der Sicherungsgruppe. Dank seiner Weisheit kann er auf weltliche Beweise verzichten und seine Produktivität zum Wohle des Sicherheitsbedürfnisses der bayerischen Bevölkerung steigern. Freisprüche sind, wie bei seinem großen Bruder, der sich auch öffentlich als ‚Herr Richter‘ beschimpfen lassen kann, nicht vorgesehen. Wo bliebe da der erzieherische Effekt?! Ich bin ja durchweg dankbar, dass man mich verkommenes Subjekt noch nicht aufgegeben hat, und immer noch regelmäßig da Diszi aufgerufen wird.

Heute wird der bereits erwähnte, illegale Besitz eines nicht individuell auf mich eingetragenen, überzähligen Trainingsanzuges abgeurteilt werden. Eine dreimonatige Freizeitsperre, das heißt 23 Stunden Zelleneinschluss, erschiene mir vor dem Hintergrund dieses staatsgefährdenden Terroraktes als mindestens vertretbar. Vielleicht lerne ich dann ja noch, Verstöße gegen fiktive Verbote zu vermeiden.

 

01.03.2016 (81)

Zeitlang

Es verscholl die längst verschwommene Erinnerung an eine Zärtlichkeit soweit, dass ich verlernte, sie zu vermissen. Die Sehnsucht wurde akademisch. Lippen, unbefeuchtet vom ausbleibenden Regen, der immer schneller trommelnd und schwerer werdend die Lage lindern hätte können. War es Dein Bild oder dessen Ideal, das ich verlor – aufgab? Hatte ich bereits vergessen, wie ich Dich liebte? Wessen Mund gab diesen Schrei frei, aus dem der gesamte Traum bestand?

Diffuses Gefühl, wie ein zugefrorener See. Mit jedem Schritt dorthin, wo es am tiefsten ist, einsamere Stille (hört sich nobler an, als es ist) und das Knacken von strahlendem Eis. Welcher nächste Schritt würde mich zu Dir tragen, strahlende Abwesende? Werde ich in mich sinken, um Dich zu erkennen? Wieder? Neu? Bist Du mein Bildverlust? – Niemand konnte uns sagen, wie lange die Zeit schon still stand.

 

29.02.2016 (80)

Feindeinwirkung

Eine Haftraumkontrolle ohne Ergebnis zu beenden, ist ebenso peinlich wie existenzbedrohend. Peinlich für den Kontrolleur, der nichts findet, wo sich immer etwas finden lässt. Und existenzbedrohend für den Apparat, dessen Legitimation im Beherrschen einer behaupteten Gefahr gründet. Beide, der Einzelne wie das System, würden also überflüssig, bestünde das beschworene Böse nicht, oder es wäre endgültig besiegt und ein paradiesischer Zustand hergestellt – nur eine der vielen Parallelen zur Amtskirche.

Selten findet man Ursachen, aber immer Gründe dafür, selbst einen nackten Haftraum über Stunden hinweg zu filzen. Mit abnehmender Nacktheit erhöht sich dann die Trefferwahrscheinlichkeit des Kontrolleurs. Zugute kommt dem Ergebnis stets eine Regelungslücke im Regelungswust, die mit Rücksicht auf das Ziel der Haftraumkontrolle aufgefüllt werden kann. Es liegt mir fern, das Leid der im Rahmen stalinistischen Terrors Verschleppten durch einen unmittelbaren Vergleich mit unserem Fünf-Sterne-Gulag zu relativieren, doch fanden Strafaktionen jenes Gulagsystems immerhin im § 58, dessen ominösen Inhalt kein Betroffener kannte, eine pro forma Rechtsgrundlage. Dieses Zuchthaus benötigt für seine Strafexzesse dagegen keinen § 58 mehr, weil Freestyle-Sanktionierungen von jedem bayerischen Strafgericht durchgewunken werden.

‚Herr Toth, Sie haben einen Trainingsanzug zuviel.‘ – ‚Aha.‘ – ‚Ja, Sie dürfen nur zwei haben.‘ – ‚Ja, wenn das so ist, haben Sie recht.‘ – ‚Das gibt dann eine Anzeige.‘ – ‚Wunderbar, danke fürs Kommen.‘ Seit 2009 bin ich in der JVA Straubing eingesperrt und hörte gestern zum ersten Mal von dieser Reglementierung, über die kein Gesetz, keine Hausordnung, keine ‚Hinweise an Gefangene – Stand Juli 2009‘ aufklären würden, dürfte man sie überhaupt offiziell einsehen. Seit 2009 wurde mir erlaubt, zwei Trainingsanzüge aus eigenen Mitteln zu erwerben. Sportler werden nachvollziehen können, dass diese Kleidung bei täglichem Gebrauch eine begrenzte Haltbarkeit besitzt. Ein weiterer Einkauf wird mir verwehrt. Zusendungen sind untersagt. Anlässlich der Feierlichkeiten seiner Entlassung schenkte mir deshalb ein Mitgefangener seine Kombination – vor Jahren.

Die JVA Straubing war sich seitdem im Klaren über meinen Wäschebestand, von der letzten Unterhose bis zu diesem geschenkten Trainingsanzug. Warum überstand mein Haftraum in dieser Hinsicht unzählige Kontrollen ohne Beanstandung? Wurde diese Wäsche etwa übersehen? Kann es Zufall sein, dass der überzählige Anzug als ‚unerlaubter Gegenstand im Haftraum‘ (so die zukünftig zuchtmeisterische und aktenbesudelnde Diktion des hausintern fliegenden Tribunals) die Sicherheit der Anstalt gefährdet, just wenn ich wegen dieser veröffentlichten Äußerungen gedrückt werden soll? – Ian Fleming, ausgewiesener Kenner totalitärer Materie, meinte zu dem Thema: ‚Einmal kann passieren, zweimal ist Zufall. Ab dem dritten Mal ist es Feindeinwirkung.’“

 

26. – 28.02.2016 (79)

Stilblüten 1

„Es sprach Sozialinspektor F.: ‚Wer glaubt, dass ein Sozialarbeiter in der JVA Straubing Soziales tut, glaubt auch, dass ein Zitronenfalter Zitronen faltet!“

 

25.02.2016 (78)

Nichts als die Wahrheiten

Im Bemühen, dem hart erworbenen Ruf des Musterhäftlings täglich gerecht zu werden, versuche ich den Wunsch meiner Anstalt, noch etwas näher an der Wahrheit zu bleiben als bisher, mit journalistischer Präzision zu erfüllen. Dabei gelobe ich, mich auf meiner Wallfahrt zur Wahrheit nicht von Kinkerlitzchen am Wegesrand irritieren zu lassen. In der Nachfolge zweier Rechtsstaatsrepräsentanten und auch sonst hoch ehrwürdiger Bürger unserer Gemeinde, bin ich überzeugt, mich bei den Abteilungsleitern der beiden Haupthäuser des Straubinger Zuchthauses an rechtlicher wie moralischer Tadellosigkeit zu orientieren.

So ließ sich der für das Haus 2 zuständige Jurist – und auch sonst in jeglicher Hinsicht ein Vorbild – glücklicherweise nicht von der Anscheinsrealität täuschen. Das Gutachten seines Hauspsychologen über den geistigen Zustand eines eventuell für eine Lockerung in Frage kommenden Häftlings mochte vielleicht die Wirklichkeit abbilden. Aber was weiß so ein Psychologe schon?! Von der Wahrheit, für die ausschließlich das juristische Fachpersonal zuständig ist, sicher nichts. Und so kam es, dass dieser Abteilungsleiter diesen Hauspsychologen vor dem ewigen Purgatorium bewahrte, indem er den Tenor des Gutachtens im Sinne der Wahrheit korrigierte. Halleluja!

Noch verantwortungsbewusster, von steter Sorge um seine Schäfchen getrieben, handelte der für das Haus 1 zuständige Jurist und auch sonst in jeglicher Hinsicht vorbildliche Stellvertreter des Anstaltsleiters, in weiser Voraussicht, den wahren Willen eines seiner Schutzbefohlenen dem wirklich geäußerten vorziehend. So wurde im Namen eines Häftlings, der einen Antrag bei Gericht auf Aussetzung seines Strafrestes zur Bewährung stellte, eine diesem Antrag vordatierte Verzichtserklärung auf eben diese Strafaussetzung gegenüber eben diesem Gericht abgegeben; der Einfachheit halber wurde die Gefangenenunterschrift gleich mit erschaffen. Anstatt reumütig in den Schoß des liebenden Regierungsdirektors zurückzukehren, verlor sich der Häftling aber nur noch mehr in der Profanität der Wirklichkeit und stellte Strafanzeige. Glücklicherweise blieb der Jurist bis heute unbeirrt, sein Schäfchen auf den rechten Weg zurückzuholen und kündigte ihm an, ihn bis zum letzten Tag des jüngst gerichtlich gesprochenen Urteils lieben zu wollen, sollte es die weltliche Anzeige gegen ihn – ein unverschämter Höhepunkt des Undankes!, doch eine lässliche Sünde – nicht zurücknehmen.

Diesen Wahrheiten soll ich also nunmehr folgen, und sie einmal besitzend, mich nicht mehr um die Wirklichkeit am Wegesrand kümmern?

 

24.02.2016 (77)

Das Imperium schlägt zurück

Nur ungern gebe ich zu, dass mir der Wirbel, den diese Einträge auslösen, anfängt Freude zu bereiten. Ungern, weil mir die therapeutische Wirkung des Schreibens als minderwertiger Antrieb erscheint, erstrebenswert für Schwächlinge, die ohne sie ihr Leben nicht bewältigen können. Innere Logorrhoe als Narkotikum gegen die Stille in der Sackgasse der Sinnlosigkeit, lautlose Dauerbeschallung seiner selbst, erbärmliche. Indes der Effekt ist nicht zu leugnen. Ein bissl Krawall hat durchaus seinen Charme, zumal das Zuchthaus beginnt, mit seinen Maßnahmen den Inhalt, den es zu unterdrücken gilt, zu bestätigen. Die Reaktionen sind dabei so phantasielos wie vorhersehbar. Zensur und Oppression.

Seit gestern wird mir die Erlaubnis verweigert, Rohrblättchen für mein Saxophonmundstück zu kaufen. Pfennigartikel von meinen Mitteln. Das Musizieren bleibt mir unbenommen – theoretisch. Praktisch: Ohne Blättchen kein Ton, ohne Ton keine Musik.

Sportschuhe werden mir bereits seit Jahren nicht mehr erlaubt (eine Zusendung von außen würde – richtig! -: die Anstaltssicherheit gefährden). So hat man es endlich geschafft, in alle wunden Punkte Salz zu streuen im Namen des viel gerühmten Behandlungsauftrags individuellen Zuschnitts. Hass und Neid scheinen mir die einzig erkennbaren Kräfte hinter solchen Entscheidungen zu sein. Solange man jedoch noch barfuss pfeifen darf, ist alles halb so wild.

 

23.02.2016 (76)

Führerschwäche

Und der Gesetzgeber sprach: ‚Gehe hin und schaffe Deinem Hause eine Ordnung.‘ Der Knastcapo frohlockte: ‚Unter diesem Vorzeichen kann ich nur siegen.‘

Und er ging hin und in sich und blieb dort für zwanzig Jahre. Wie nur würde er es zur Unsterblichkeit bringen wie die, deren Bilder er neben sich hatte? Er hatte kein Talent, kein Gefühl, keine Fähigkeit zu nichts. Alles, was er war, war er durch Vertrag. Seine Unzulänglichkeiten ließen ihn mit der Vorsehung hadern. ‚Warum nur muss ich es sein, der das alles, was er will, nicht vermag?‘ Aber in ihm war es leer und kalt und niemand antwortete. Also sprach der Knastcapo: ‚Nach unser alter Väter Sitte werde ich verfahren und vertilgen von der Gäubodenfläche alles neuartige Gedöber und Gedibber.‘ Aber er sprach’s leise, denn er hasste diese Wörter. Und er brach aus seinem Herzen eine Tafel von Schiefer und er schrieb:

Verfahrensweise bei Hortung von Lebensmitteln und Einkaufswaren in Hafträumen

Zur Wahrung der Übersichtlichkeit der Hafträume der Gefangenen hinsichtlich dort gelagerter Lebensmittel und Einkaufswaren ist künftig folgendermaßen zu verfahren:

Den Gefangenen wird gestattet,

– höchstens 10 haltbare Lebensmitteldosen

– höchstens 6 Packungen Tee mit je 20 Teebeuteln, die ihnen von der Anstalt zum Verzehr zur Verfügung gestellt oder vom Anstaltskaufmann erworben wurden

– Tabakwaren bis zu einem Wert von 150,- Euro

– höchstens 3 Kaffeedosen (-gläser)

im Haftraum aufzubewahren.

Sollte die jeweilige Anzahl überschritten werden, ist der Gefangene unter Hinweis auf Nr. 3.4 der Hausordnung aufzufordern, in angemessener Frist für Abhilfe zu sorgen. Sollte der Gefangene der Aufforderung nicht nachkommen, sind die überzähligen genannten von der Anstalt überlassenen Lebensmittel aus dem Haftraum zu entnehmen und entsprechend zu entsorgen.

Die Möglichkeit einer Disziplinarmeldung wegen Nichtbefolgen einer Anordnung bleibt davon unberührt.

Im Falle einer Hortung von Einkaufsware, ist der Gefangene auf Nr. 18.3 der Hausordnung der JVA Straubing hinzuweisen und deren Einhaltung mit Nachdruck zu verfolgen.

Nötigenfalls ist eine Disziplinarmeldung zu erstellen.

Den Gefangenen wird bis zum 18.03.2016 Gelegenheit gegeben, den etwaigen überzähligen Warenvorrat zu reduzieren.

In dringenden Fällen sind entsprechende Maßnahmen unverzüglich zu treffen.

Diese Verfügung tritt am 19.03.2016 in Kraft.

Die Verfügung vom 08.01.2014 verliert ihre Gültigkeit.‘

Er betrachtete sein Werk am achten Tage, und es sah für ihn gut aus. Ich aber sage Euch: Für uns sieht es schlecht aus, und unter diesem Knastcapo wird es weiter Zittern und Zähneklappern geben.

 

22.02.2016 (75)

Einheitskleidung überall

Ab März wird der im Gäuboden Versenkte beim selten erfolgreichen Versuch, Luft zu schnappen, aus der Blase, die mit seinem Besuch hereinweht, nurmehr in Anstaltskleidung an die Oberfläche geschwemmt. Die deutschlandweit einzigartige Regelung wird – wie sollte es anders sein? – mit dem Sicherheitsbedürfnis dieses Zuchthauses begründet, das Polohemden wegen der Doppelnähte im Schulterbereich, die als Schmuggelversteck dienen könnten (Kurzversion einer seitenlangen Ausführung des stellvertretenden Anstaltsleiters), verbannt. Dass der überwiegende Teil der Anstaltskleidung mit solchen Doppelnähten versehen ist, mindert die Strahlkraft dieser Argumentation natürlich nicht. Ebensowenig, dass einerseits der typenspezifische Kragen eines Polohemdes den Fortbestand der JVA Straubing ins Ungewisse drängt, weil er subversive, umstürzlerische Apparaturen zu verdecken im Stande wäre, andererseits jedes Anstaltshemd und jede Arbeitsjacke ausladendere Halsteile vorweist, von kapuzenbewehrten Parkas ganz zu schweigen.

Das wahre Motiv für diese sonst sinnfreie Verschärfung ist der Wille, an einer weiteren Stelle in den Gefangenen zu dringen, um ihn zu entkernen. Wer rumläuft wie ein Penner, fühlt sich wie ein Penner und wird schließlich zu einem. Da Resozialisierung nur ein Wort für Sonntagsreden ist und in der Praxis tunlichst pervertiert zu werden hat, soll derjenige, dessen Entlassung nicht mehr verhindert werden kann, immerhin als menschlicher Sondermüll auf die Straße gesetzt werden (nach einer öffentlichen Stellungnahme eines ehemaligen Anstaltsleiters, käme niemand mehr aus der JVA Straubing frei, ginge es nach ihm. Wenn ein Gericht mal pro Entlassung entscheiden sollte, habe er immerhin das Seine getan.)

Ob der psychologische Auslöser für die neue Vorschrift in der Tatsache gründet, dass jeder Mensch von sich selbst ausgeht, weiß ich nicht. Was ich weiß, ist, dass der nun verfügende, aktuelle Anstaltsleiter bei niemandem, der seine Karriere durch die Instanzen verfolgt, jemals mit einem resozialisierenden Gedanken aufgefallen wäre, zahlreiche Restriktionen hingegen von ihm initiiert wurden. Restriktionen, die nur von dem bürokratischen Schriftsatz, der sie trägt, gerechtfertigt werden können, aber niemals von der Realität.

 

19. – 21.02.2016 (74)

Meditation

Das Leben läuft in einem Radius von zwanzig Metern um ein gewalttätig gesetztes Zentrum herum ab. Wie der Horizont des Hofhundes von der Länge seiner Kette bestimmt wird, begrenzt dieser Radius den unmittelbaren Blick des gelebtwerdenden Häftlings auf die Dinge. Bald verkümmert die Sehkraft und weitaus schlimmer: die geistige Weitsicht. Unfühlbar lähmt der seelische Leerlauf, bis sich die einzig mehr merkliche Regung beschränkt auf ein: „Mahlzeit!“

Nach einem Dreivierteljahr erhielt ich meinen Fernseher zurück, über dessen rechtmäßige Wegnahme es unterschiedliche Meinungen gibt. Wie Oldboy öffnete ich nun dieses Fenster zur Welt und passte mich dem Konsumverhalten um mich herum an. Ganztägig lief der Kasten und wenn ich mich nach dem Wochenende frage, was davon bleiben wird, muss ich schon das TV-Programm als Erinnerungshilfe zu Rate ziehen: Platoon, Clint Eastwood und Alain Delon, sicher. Entlebt haben mein Gelebtwerden indes nur die Simpsons.

Also habe ich den Reizüberfluter entfernt und hole ihn nur noch bei Bedarf hervor. Was sich lächerlich anhört, ist lächerlich, im Gefängnis jedoch ein Akt der Emanzipation. Ein Sedativ weniger. Ungestört und bewusst genieße ich die Leere meines Hirns. Einatmen, Ausatmen.

 

18.02.2016 (73)

Und es geht schon wieder los

Unangefochtener und unbezwungener Weltmeister aller Klassen in Niederringen positiver Gedanken ist die JVA Straubing.

Gerade noch ließen wir nach unserer Bandprobe neu ausprobierte Stücke nachwirken und kamen zu dem Ergebnis, dass wir gar nicht so grottenschlecht sind, wie wir stets befürchten. Ich sah uns schon als Greisencombo unter einer Kastanie ‚On the sunny side of the street‘ für eine Maß Bier trällern – ‚Herr Toth, ins Abteilungsbüro!‘

Mündlich wurde mir eröffnet, dass mein Eintrag (68) einbehalten würde, da er geeignet ist die Anstaltssicherheit zu gefährden. Im übrigen würde ich Unwahres behaupten, was wiederum geeignet wäre, das Ansehen der JVA Straubing herabzuwürdigen. Standardtextbausteine.

Konkretisiert wird in solchen Fällen nicht, weil es für die staatlich bayerische Strafjustiz wesentlich geworden ist, dass man nicht nur unschuldig, sondern auch unwissend verurteilt wird. Es wird behauptet, beschworen, unterstellt, nie begründet – im besten Fall wird Begründung gespielt.

Natürlich drängt sich die Frage auf, welche Qualität eine unwahre Aussage meinerseits haben müsste, um die Sicherheit dieses sichersten aller Gefängnisse zu gefährden, oder inwiefern man anderseits als Protagonist des funktionierenden Rechtsstaats eine wahre Aussage über sich fürchten muss. Unappetitliche Details oder Namen berühren ein strukturelles und systematisches Übel nicht, sollen also auch zukünftig nicht genannt werden. Ich betone jedoch (erneut) ausdrücklich, dass neben meinen literarischen Versuchen einer Verdichtung, über deren Qualität eine staatliche Stelle nicht zu richten hat, diesen Einträgen zugrundeliegende Tatsachen alle der Wirklichkeit entnommen und beweisbar sind. Um Helvetius zu erweitern, ist es mir nicht nur gleichgültig, sondern eine Ehre, wenn mir das Benennen der Dinge schadet. Uns allen schadet irgendwas, da ist die Wahrheit nicht das schlechteste Übel. Wenn aus dem Dixie-Biergarten so nichts wird, bleibt ja noch ‚In a sentimental mood‘.

Ach ja, individuelle Rundum-Annullation ist keine Einbahnstraße. So wird nicht nur mein Kontakt zur Öffentlichkeit behindert, sondern auch die Gegenfahrbahn blockiert. Weil der Wortlaut hiesiger Strafvollstreckungskammer satirisch nicht mehr zuspitzbar ist, frage ich nur: Seid Ihr das Volk, in dessen Namen dieses Recht gesprochen wird?

‚Wenn eine Entscheidung in der Hauptsache nicht vor dem spätestens möglichen Drehbeginn 21.-24.03.2016 ergeht, droht dem Antragsteller lediglich, dass er für den derzeit geplanten Sendebeitrag nicht interviewt wird und dadurch in seinen Rechten aus Art. 2 Abs. 1 Art. 5 GG und Art. 26 BayStVollzG eingeschränkt wird. Allerdings sind diese Beeinträchtigungen nicht unzumutbar und irreparabel, da das Interview denk-theoretisch zu einem späteren Zeitpunkt stattfinden kann, wenn das ZDF (…) eine entsprechende Vereinbarung trifft. Insofern kann zum jetzigen Zeitpunkt nicht festgestellt werden, dass dieses geplante Interview zu einem späteren Zeitpunkt erneut geplant wird. Sofern es nicht zu einer neuen Planung eines Interviews bezüglich des Mordfalls Böhringer kommt, liegt dies nicht an einer fehlenden einstweiligen Anordnung im vorliegenden Verfahren.‘

Das nach einer, zu gegebener Zeit ebenso als unzulässig zurückgewiesenen Hauptsacheentscheidung angerufene OLG Nürnberg schmettert schon mal eine Rechtsbeschwerde mit einstimmigem Kammerbeschluss ab. Das heißt, alle drei Richter haben sich mit der Materie befasst. Nur ausnahmsweise stellt sich hernach heraus, dass die Akten verschiedener Verfahren im Vorfeld vertauscht worden sind…

Müsste ich jetzt auch Namen nennen, oder reicht es die Lippe zu schürzen und ‚Il silenzio‘ zu pfeifen?“

 

17.02.2016 (72)

Abgeleitete Existenz

Ob es Vorbilder für Sherlock Holmes oder Miss Marple in der Realität gegeben hat, weiß ich nicht. Dass ihre logische Methode der Verbrecherjagd nichts mit moderner Polizeiarbeit zu tun hat, sehr wohl. Ließe es der Ermittler von heute auf seine Geistesgegenwart und kombinatorische Kraft ankommen, säßen vermutlich gestrauchelte Bürger, Blödmänner und Junkies im Gefängnis – sicher jedoch keine Verbrecher. Um diese dingfest zu machen, hat sich eine kreative Strafjustiz, die das Gesetz als eine frei zu interpretierende Vorlage ihrer täglich aufgeführten Farce verwendet, mit einer auf List spezialisierten Kripo verbündet. Verrat und Infiltration sind die schlagenden Waffen der Wahl. Vernunft hat ausgedient. Die Klaviatur der Niedertracht wurde im Laufe der Zeit technisch fein abgestimmt und lässt sich unterdessen gar im gemeinen Ganovenjägergenom nachweisen. Betrug und Manipulation sind im Kriminalerkosmos die Regel und nicht der Rede wert. Weil es dröger Alltag geworden ist, erinnert sich dann beizeiten vor Gericht auch niemand mehr an nichts.

Welchen Segen hingegen ein funktionierender Verstand bedeuten kann, entnehme ich Euren zahlreichen Hinweisen auf dubios anmutende Kommentatoren in sogenannten Sozialnetzwerken. Ich freue mich sehr zu erfahren, dass auch unbefangene, von kriminalpolizeilicher Arbeit unberührte, unbescholtene Bürger Holprigkeiten erkennen. Natürlich wird Eurer Argwohn durch Tatsachen gestützt.

Aus vielen nur ein Beispiel. Ein ehemaliger Straubinger Häftling – nennen wir ihn aus Liebe zur Plastizität und der Einfachheit halber den abgeleiteten Udo, also Udo´ – behauptete, ich hätte ihm gegenüber den Mord an meiner Tante gestanden. So weit, so Standard. Man glaubt kaum, was einem mit der konkreten Aussicht auf Hafterleichterungen in einem Gefängnis alles gestanden werden kann! Über noch anwesende Mitgefangene von Udo ließ sich jedoch schnell eruieren, dass er selber von diesen seinen Aussagen als Udo´ am meisten überrascht war. Er erklärte an Eides statt, nichts mit diesen Kommentaren zu tun zu haben, weil auffiel, dass alle Tatsachen, die Udo´ zum Beweis seiner Authentizität nannte, der Wirklichkeit entsprachen. Dieser kannte alle maßgeblichen Daten seines Vorbildes: Anlasstat, Verurteilung, Haftdauer und – zeitraum, Arbeitsplatz außerhalb und innerhalb des Gefängnisses. So arbeitete Udo hier tatsächlich in dem Betrieb, in dem auch ich eingeteilt wurde. Nach diesen Informationen hätten wir uns demnach – wie wohl offiziell beabsichtigt – tatsächlich theoretisch unterhalten können. Vor einem bayerischen Strafgericht wäre, unabhängig vom Gesprächsinhalt, die Beweisaufnahme damit im Sinne der Anklage abgeschlossen gewesen.

Nicht bedacht hat Udo´ indes, dass Udo bereits aus dem Betrieb ausgeschieden war, als ich eintrat. Weiter war Udo in einem Trakt der JVA Straubing, dem Haus II, streng getrennt von meiner Zelle im Haus I, untergebracht. Die theoretische Unmöglichkeit eines Kontaktes zueinander, schlug sich direkt in der Praxis nieder. Udo und ich haben uns nie gesehen, geschweige denn miteinander gesprochen.

Nur jemand mit Zugriff auf interne Daten der JVA Straubing kann Udo´ erschaffen haben. Kein Geheimnis ist mir, wer das war. Allein ein Rätsel bleibt es, warum es die (ehemalig) gegen mich Ermittelnden, selbst im zehnten Jahr meiner Haft, immer noch für notwendig halten, gegen mich zu hetzen? – Ist es der gleiche Grund, weshalb seit zehn Jahren ein Kamera-gestütztes Interview mit mir – gegen das Gesetz und die tägliche Praxis – abgelehnt wird? Wer hat weswegen soviel Angst vor mir?

 

16.02.2016 (71)

Luftfahrt

Stein, Leinwand und Papier sind nichts als Materie. Doch nehmen sie als Mittler zwischen dem Menschen und dem Göttlichen das Ewige aus jenem in sich auf. Das Medium der Musik ist der Äther, und es kommt nicht darauf an, dass es ihn nicht gibt.

In zwei Wochen schon wird unser heutiges „Fly me to the moon“ seinen Adressaten erreicht haben. Musik ist also, einmal geschaffen und erklungen, nicht mehr zurückzunehmen und unsterblich geworden. Sie wird immer sein, auch wenn sie nicht mehr bei uns ist. Ihre Reise im Universum endet erst mit seinem Untergang. Auf einen Publikumsrekord während dieser Tournee wird man dagegen wohl nicht hoffen dürfen.

 

15.02.2016 (70)

Volle Verteidigung voraus

Nachricht vom OLG München erhalten. Ich freue mich. Zu staatlichen Zivil- und Verwaltungsrechtlern scheint man argumentativ noch durchdringen zu können. Vielleicht besteht für uns noch Hoffnung.

Ich freue mich in Maßen, weil für mich keine Hoffnung mehr besteht. Diese Entscheidung ändert nichts an meiner Situation. Das Bundesverfassungsgericht wird unabhängig hiervon und ungerührt gegen mich entscheiden (wenn es meine Beschwerde überhaupt zur Entscheidung annimmt). Nur wenn man medienwirksam, international vernehmbar die Fahne der Liberalität strukturell schwenken kann, ergehen seine Entscheidungen im Einklang mit der Verfassung. Geht es dagegen ganz profan nur um die Existenz Einzelner und ihrer Familien, unterscheidet sich die Karlsruher Alltagsrigidität nicht von der einer untergeordneten Verurteilungsmaschine. Behauptet jemand etwas anderes, so hat er zumindest keine Ahnung. Ich jedenfalls wäre der erste, der sich mal gerne geirrt haben würde.

Nichtsdestotrotz freue ich mich – für meine Verteidigung, die diesen Sieg errungen hat.

 

12. – 14.02.2016 (69)

Höhere Leere

Wie sehr ich diese Stille liebe, die nur vom imaginierten? Brummen der Störsender entweiht wird. Eine nächtliche Stille, die an den vorgeburtlichen Zustand erinnert. Eine heilige Stille, während der die Dinge deutlich durch die im Leben gewahrten Risse schwarz vor Augen treten, weil man die innere Dunkelheit bis in den letzten Winkel ausleuchten kann.

Unbeschreibliche, mit dem Tage unvereinbare Gedanken zerfallen als Früchte von Nachtwachen mit erstem Morgenlicht zu Staub. Was jetzt gedacht und gefühlt wird, ist zu wahr für den Schein, zu edel, um sich dem Leben von Obererde anzupassen. Dem Nichts nahe, wird Friede fühlbar und Leben zur Last. Absolute Gedanken scheren sich nicht um die Folgen, welche sie zeitigen für die in der Kleingartenanlage der Konventionen Zipfelbemützt Darniederliegenden, taub für das Schweigen. Dieses uralte Schweigen, das älter ist als wir. Das in uns war, als wir noch nicht waren, und uns menschlichen Maßstäben enthebt.

 

11.02.2016 (68)

Zensiert mit Anhalteverfügung der JVA Straubing vom 18.02.2016

Nach drei erfolglosen Zusendungen ist der vierte Versuch dank Konventions-, nicht Rechtsbruch angekommen, hier der Nachtrag:

Tot oder nicht tot

Wie Trotz das Gegenteil von Freiheit bedeutet, wird jede Freizeitbeschäftigung von dem Alltag bedingt, den sie überwinden soll. Der Tod ist alltäglich allgegenwärtig, ob real oder in der Vorstellung, ausdrücklich oder unausgesprochen. So ist eine Freizeitbeschäftigung des Häftlings, über den Tod seiner Mithäftlinge zu diskutieren. Nicht um Todesarten indes, derer es selbst in dieser Beengtheit zahlreiche gibt, geht es hier, sondern um Kategorien des Todes. Derer gibt es vier.

Rechtfertigt man die Todesart eines Kettenrauchers oder Bewegungsmuffels als folgerichtig, versucht man Ordnung zu schaffen eine Gesetzmäßigkeit, die beruhigen soll, doch illusorisch bleibt, zu beschwören. Vor allem wird von der eigenen Sterblichkeit abgelenkt, da man selber ja nicht rauche und regelmäßig an der frischen Luft sei. „Sterbt ihr mal, mich geht das ganze nichts an!“ heißt die Devise. Immerhin reden wir bei diesen Fällen von einem üblichen Tod. Üblich im Sinne von: Menschen sterben. Dagegen abzugrenzen ist der unübliche Tod, der an sich nicht gerechtfertigt werden kann, sei es der durch Unfall oder durch Tötung. Diese Kategorie erkennt man an sofort eintretenden Spekulationen über etwaige Todesursachen.

Leider hält sich die Anstalt mir Kommentaren zu Todesfällen zurück, so dass für eine weitergehende Differenzierung behavioristisch auf ihre Reaktionen abgestellt werden muss. Zieht ein üblicher Tod eine ersichtliche, hoheitliche Bewegung nach sich, handelte es sich um einen unerwünscht üblichen Tod. Es ist ja auch lästig, wenn einer am Arbeitsplatz einen Unfall erleidet oder einen Herzinfarkt oder nach einer Ösophagusvarizenblutung eine Riesensauerei weggeputzt werden muss. Telefon, mehrmals, Lauferei, Bericht schreiben, bäh. Viel angenehmer das Erlebnis, einen Gefangenen bei der morgentlichen Lebendkontrolle leblos in seinem Haftraum vorzufinden. Tür zu. Nächste Tür. „Guten Morgen.“ Um die Abholung kümmert sich schon wer, irgendwann: Gleichgültig üblicher Tod.

Ähnlich verhält es sich bei unüblichen Fällen. Ist ein Häftling im Begriffe, an einer Überdosis von Medikamenten zu sterben, die ihm mindestens anstaltliche Nachlässigkeit in den Kreislauf trieb (Eintrag #58), muss er vor dem Exitus noch das Anstaltsgelände verlassen. Wie sähe das denn aus, wenn einer in staatlicher Obhut an legalen Drogen stirbt? Der Verwaltungsaufwand ist hoch, die Zeit knapp, der Stress wenig kommod. Zum Glück besteht wenigstens keine Gefahr, dass jemand darüber berichtet. Puuh.

Um den erwünscht unüblichen Tod zu erkennen, muss er in seiner Entwicklung bereits beobachtet worden sein, bis endlich das erwünschte Haftziel hoheitlich regungslos hingenommen wird. Suizide als Folge individueller Behandlung, oder Herzstillstand nach Wegnahme (nicht Vorenthaltung!) notwendiger Medikamente sind Beispiele für solche Fälle.

Wenn sich dann nach offiziell versierter Version F. noch bester Gesundheit erfreut, nachdem er bereit seit zwei Tagen als „verstorben“ von der Inventarliste gelöscht ist, sprießen Rechtfertigungen und Spekulationen. Das ist dann die fünfte Kategorie: Alles klar, und keiner weiß Bescheid.

 

10.02.2016 (67)

Fremd

Am Morgen nach meiner Verhaftung, als ich dem Chief Wiggum der Münchner Mordkommission in seinem Büro in der Ettstraße gegenüber stand, kam plötzlich die Erinnerung an das Gespräch mit einem seiner Duzfreunde. Ich wusste nicht, dass es mein letzter Tag als freier Mann sein sollte, als mir diese Person nach ihrer Unterredung mit dem Herrn Kriminaloberrat eröffnete, dass nach bisher geleisteter Tatortarbeit die Tatbegehung durch einen Deutschen ausgeschlossen werden könne, weil so was würden nur Ausländer machen. Außerdem stünde man kurz davor, jemanden zu verhaften.

Meine ursprünglich darauf empfundene Erleichterung wich bereits mit den Ereignissen im Polizeipräsidium vom Vortrag einem Paar Handschellen. Als ich jedoch jetzt in die stumpfschwarz ausdruckslosen Augen des überzeugtesten Allesaufklärer blickte, erkannte ich mich als den zu verhaftenden Ausländer. Zum ersten Mal in meinem Leben fühlte ich mich fremd. Als Fremder in meiner Stadt, in der ich aufgewachsen war, in der ich liebte und litt, die ich geschmeckt und inhaliert hatte, deren natürlicher Teil ich gleichsam, so dachte ich, geworden war. Ich wurde zum Fremden gemacht von einem, der nicht nur grammatisch keinen Unterschied zwischen Irrealis und Indikativ kannte, dafür wohl selber von einem veritablen Zugereisten-Komplex geplagt, diesen durch die Verdrängung jeglichen daraus resultierenden Selbstzweifels kompensierte, koste es, was es wolle.

Zum Fremden wurde ich, um mit Eike Geisel zu sprechen, nicht freiwillig und lange ging es mir auch nicht gut dabei. Solange aber eine Gesellschaft ihre Werte und Gesetze von solch nichtsnutzigen Ordonnanzen pervertieren lässt, trage ich den Stempel der Fremdheit als Auszeichnung und werde mit Freude ein Fremder bleiben wollen.

 

09.02.2016 (66)

Repertoire

Schließen sich einsame Herzen zu einer Kapelle zusammen, die man neudeutsch als Cover-Band bezeichnen könnte, neigen sie dazu, Kitsch zum Programm zu erheben. Es geht nicht um Musik mit deren Ausdrucksmöglichkeiten und ihrem Genuss, sondern um das Ambiente von Musik, oder noch schlimmer: das gezwungen gewollte Gefühl von Ambiente. Im Bewusstsein dieser Gefahr untersagte sich unsere Combo „150 Jahre Knast!“ von Anfang an jegliches Anspielen des „Smoke on the water“ oder „Satisfaction“ – Riffs außerhalb einer Parodie. Trotzdem erklangen plötzlich, wie von allein, Lieder aus der Kategorie „Hotel California“ oder „Sweet home Alabama“, die nur von ihren Schöpfern gespielt werden sollten.

Im Rumpfrepertoire beließen wir seitdem Folgendes, weitab der Originalversionen: „Baker Street“, „Purple Rain“, „Careless Whisper“, „Wish you were here“, „Stairway to Heaven“, „Samba Pa Ti“, „In the Ghetto“, „Superstition“, „The Chicken“, „Ain’t no sunshine when she’s gone“, „Georgia on my mind“, „Girl from Ipanema“, „Pick up the pieces“, „Harlem nocturne“, „On the sunny side of the street“, „Watermelon Man“, „Lush Life“ und, selbstverständlich, „Sommer in der Stadt“. Neben Eigenkompositionen, die hier schon allein wegen ihrer Weltklasse-Titel nicht genannt werden, spielen wir bereits den ersten Publikumswunsch: „My heart will go on“ – und niemand mehr belächelt diese Schnulze.

Noch bleibt alles im Probenraum. Gema-Gebühren zahlen wir dann voraussichtlich ab Frühjahr 2056, wenn wir auch außerhalb der Mauern zu buchen sein werden. Vorbestellungen richten Sie bitte an die JVA Straubing oder das bayerische Justizministerium.

 

08.02.2016 (65)

Gedanken von Citizen 111 (d.i. nicht BT)

Das klare, alles bestimmende Gefühl der absoluten Nichtexistenz einer Gottfigur erreicht mit fortschreitender Ansammlung an Erfahrungen auch die Objektivität und Ratio des Geistes.

Dafür verantwortlich kann allein schon der inflationäre Missbrauch mit dem Terminus des Rechts sein. Die Differenz von Unrecht und Recht ergründet sich im Wesentlichen aus dem Gebrauch der Präposition. Somit ist die Illusion, der Glaube an einen Rechtsstaat auch nur eine infantile Art der Bewältigung von Lebensverhältnissen.

 

05. -07.02.2016 (64)

Du

Du bleibst.

Dein Schicksal hat Dich geschlagen, wo Du warst und auch Du musst vergessen. Vergessen, dort wo Du bist.

Das ist schwerer.

 

04.02.2016 (63)

Alles Walzen!

Für den Einzug der Regierungsratsgattinnen in Volantsbesäumtem und Spaghettigetragenem ist nicht immer der Fasching verantwortlich. Manchmal bieten ganz profane Ereignisse eine Gelegenheit, den Muff auszuführen und sich die Zehennägel zu lackieren. Wenn dann noch Gäste aus der Stadt erwartet werden, kann die Landprominenz ungeniert mit ihrer Fremdsprachenkenntnis brillieren. Ha, Hochdeutsch – gar kein Problem!

Fünfzig Jahre geschmierte Zusammenarbeit der Münchener MTU mit dem Straubinger Zuchthaus – das ist schon einen Galaempfang wert. Dass die Geschichte der MTU die Geschichte der Zwangsarbeit ist, verfängt dabei kaum, schließlich ist sogar der zuständige Herr Minister heute zu Gast. Es werden Häppchen gereicht, von denen diejenigen, die sie erwirtschafteten, gerne träumen. In ihren Zellen, denn heute würden sie die ziselierte Eleganz in der Werkhalle stören. Nur der Gefangenenchor darf sich als Karikatur seines Vorbilds aus Nabucco selber verhöhnen.

Eines jedoch steht fest: Allen Zwangsarbeitgebern ist dieser vorzuziehen. Neben einem Automaten für Gratiskaffee, der von Straubing-Syndromierten als goldenes Kalb umtanzt und angebetet wird, werden hier die höchsten Standards gesetzt. Sowohl Kontakte zu zivilen Mitarbeitern, als auch allgemeine betriebliche Abläufe erreichen die freiheitlichsten Verhältnisse, die in einem bayerischen Gefängnis möglich sind. Der MTU-Mitarbeiter darf sich sogar um seine private Altersvorsorge kümmern, was keine Selbstverständlichkeit ist. Allen anderen Gefangenen wird dies von der JVA Straubing, entgegen rechtskräftigem gerichtlichem Beschluss, verwehrt.

Möge also die zarteste aller Gefangenengeißeln noch lange florieren! Vielleicht könnte man nur die nächste Feier Richtung Sommer verlegen, um einem Ausfall des vormals verschnupften Verwaltungsbeamtentums vorzubeugen – in einem Hauch von Pink friert es sich so leicht.

 

03.02.2016 (62)

Geburtswehen

Und wieder mal einen Tag verschenkt haben. Nicht gelächelt, nicht gelacht, den Sarkasmus, diese letzte Waffe, gegen sich selber gerichtet. Nicht gestaunt, nicht geschaffen, nichts vernichtet. Luft verpestet – Abwasser auch; alles aus Liebe zur Entmutigung.

Vielleicht fange ich erneut zu rauchen an. Wandle um, entmaterialisiere und ende bei heißer Luft. Inhaliere, eigne an, der Stoff ist mein. Ich bin der Stoff und das Feuer ist mit mir. Immerhin hat mich niemand gefragt; g-a-g-a-h-d‘-e‘-d‘.

 

02.02.2016 (61)

Panlogos

Was ist es, das die Welt im Innersten zusammenhält und ein unkontrolliertes Auseinanderdriften in unkontrollierbares Chaos verhindert?

Des zeitgenössischen Münchner Philosophen Franz Münchingers Geistes Kraft und Mund tat folgendes Geheimnis kund: Es ist die sämige Kantinensoß‘, tagein jahraus, von unveränderter Farbe und Konsistenz, die eine drohende Entfremdung des Beamten vom Menschsein im Laufe seiner Karriere aus Tagen unmenschlicher Ununterscheidbarkeit unterbindet. Die einzige Kontinuität hinter modisch wechselnden, bürokratisch-diktatorischen Direktiven befindet sich auf dem Edelstahltablett, beruhigend zuverlässig neben Leberkäs, Schweinsbraten und Currywurst.

War es der Geruch einer ideellen Sauce à la Monaco, die mich heute beim wöchentlichen Kammertausch umwehte? Neben den obligatorischen Arbeitshosen stand heuer zum ersten Mal die Ausgabe von Seife auf dem Programm. Eine schöne Seife – ich hab sie gleich ausprobiert. Ein bisserl an den Händen und am Hals – mei, so eine schöne Seifn! Und so ein schöner zitroniger Duft! – Nur leider ein bisserl klein geraten.

Da ich mein Rechercheversprechen (Eintrag 35) durchaus ernst nehme, ging ich umgehend der Umstellung auf diese Schrumpfseife nach, frischgewaschen, wie ein Pissoir duftend. Offiziellen Angaben zufolge begründete eine verminderte Tubengröße der ebenfalls ausgegebenen Zahncreme den Seifenwechsel. Nachdem bekannt geworden war, dass die Industrie den Tubeninhalt nach Maßgabe einer EU-Richtlinie von 100 ml auf 75 reduzieren würde, führte eine anstaltsinterne Berechnung zur notwendigen Frequenzerhöhung der Zahncremeausgabe auf sechsmal pro Jahr. Ausgabeökonomisch bedingt, sollte die Seifenausgabe jedoch mit der Zahncremeausgabe gekoppelt bleiben, so dass auch bei der Seifengröße eine entsprechende Reduzierung um 25% vorzunehmen war. Glücklicherweise fand sich auf dem weltweiten Markt ein Hersteller, der die von der JVA Straubing nunmehr geforderten Gebindegrößen liefern konnte.

Es hängt halt irgendwie doch alles zusammen.

 

01.02.2016 (60)

Missverständnis?

‚Welche Therapieangebote der Anstalt haben Sie denn angenommen?‘, fragte der externe Sachverständige.

A. zählte sie auf.

‚War auch was Sinnvolles dabei?‘ –

‚Soll das etwa nicht sinnvoll gewesen sein?‘ –

Lächeln, nicht einzuordnen.

 

29. – 31.01.2016 (59)

Liebe Mutter,

Gewünschter Schmerz stand am Anfang unserer Beziehung. Die Bedingungen des Lebens waren Dir bekannt und Du hast Dich in unser beider Namen für diesen Schmerz entschieden. Ein guter Anfang, denn das unabweisliche Unglück erklärte sich damit bereits semantisch. Die Spielregeln standen fest. Nachdem der Schmerz Deinem überwindenden Lächeln gewichen war, begann ein langer Zeitraum, den vielleicht nur ich, nostalgisch verblendet, verkläre. Was wissen Hosenscheißer schon in ihrem Weltdeutungswahn? Wie dem auch sei, erweiterte die Vorsilbe ‚Un-‚ unseren Blick auf dieses Spiel des Lebens, und obwohl Du es hättest vorausahnen können, wiederholte sich nicht mehr der gewünschte Schmerz, sondern eine Art wunschloses Unglück legte sich lähmend über Dich. Zehn Jahre währt die Wunschlosigkeit nun schon und manifestiert damit das Unglück, welches zwar notwendig, doch nichts als Akzidenz – ein stinkendes Anhängsel unseres jämmerlichen Daseins ist. Dies wurde mir deutlich, als ich heute ein schmerzvertreibendes Lächeln in Deinen Augen sah, mit dem Du mir zum Abschied über das Gesicht fuhrst. Es war dasselbe wie vor 41 Jahren und ich wusste, dass wunschloses Unglück für andere Mütter war.

Hab keine Furcht mehr vor dem Unglück! Es wäre töricht, sich zu fürchten vor etwas, das nur durch unseren Kleinmut seine Bedeutung gewinnt, durch unsere Verzagtheit seine Stoßkraft erhält. Das Unglück ist neutral. Wir erst machen es groß. Natürlich empfinden wir es, wie es von außen hereinbricht, doch können es überwinden, indem wir uns innerlich auflehnen und äußerlich gelassen bleiben; uns in Gleichmut üben. Der Sturm mag tosen, er ändert unseren Charakter nicht. Jener geht in diesem auf. Das haben wir sogar Gott voraus, der jenseits des Unglücks steht, es deshalb nie überwinden kann.

‚Wer bist Du, oh Glücklicher, der Du Dich einen großen Mann schimpfst? Dein Schicksal hat Dir noch keine Gelegenheit gegeben Dich auszuzeichnen. Du hoffst und fürchtest noch, lässt den Zufall in Dir wüten und planschst in einem Ozean der Akzidenzen. Dich nenne ich unglücklich, denn Du gehst ohne Gegner durchs Leben. Niemand, nicht einmal Du selber, kannst wissen, was Du vermagst. Sind Deine Prinzipien ohne Kompromiss, oder werden sie bei erstbester Gelegenheit zu Opportunismen, vom niedrigsten Wellengang über Bord gespült? Nicht im Hafen bist Du Held, erst Hiobs Hochsee wird zeigen, was Deine Tapferkeit wirklich taugt! Nicht in der Aktion offenbart sich Dein Wesen, sondern in der Weise, wie Du unveränderliches Schicksal trägst.‘

Liebe Mutter, auch ich bin nichts als eine Deiner Akzidenzen, wenn auch eine wichtige, wie ich hoffe. Ich bin aber nicht Du, und so ohne Einfluss auf Dein Wesen. Nur Du entscheidest, wie Du zu einer Situation stehst und auf sie reagierst, wohin Du Deinen Kern stellst; mich hast Du nur zum Begleiter, der nie wesentlich wird. Wesentlich ist jedoch das Glück, das Du aus Dir heraus spüren kannst, von einem Punkt, der nur noch Du bist, der Dich ausmacht, den wir andere vielleicht verstehen, aber nicht mehr nachvollziehen können. Von diesem Punkt blickst Du auf Deine Kinder, Ergebnisse Deiner Erziehung, wesentlich von Dir aus Deinem Innersten Beschenkte, harmonischer denn je. Was Du beeinflussen konntest, war erfolgreich; alles darüber hinaus ist Akzidenz.

Was Du beeinflussen kannst, ist, wie Du Dich denjenigen gegenüber verhältst, die Dir geblieben sind. Wen klagst Du an für die funktionierende Familie, die Dir verbleibt, die bezaubernden Enkel, die Du erhieltest, die treuen Freunde, die zu Dir halten? Sei nicht abweisend und hol sie ab in ihrer Ungewissheit. Sprich mit ihnen und beweine keine Einzelheiten es Lebens, wenn das ganze Leben beweinenswert ist. Wenn Du weinst, dann nur um Dich, weil Dir das Leid zu überwinden nicht gelingt. Dabei kann Dir niemand helfen. Ich leugne nicht, dass es schwer ist. Aber diese Bedingungen des Lebens waren Dir bekannt. Dass Du schwach geboren wirst, hoffst, fürchtest, verlierst, Dich sorgst, und am schlimmsten: noch nicht einmal weißt, wo es wie um Dich steht. Ich will Deine Trauer nicht brechen. Du sollst sie überwinden.

Wieviele andere leben ihr eigenes, hochspezifisches Unglück aus ihrem Innersten, dem wesentlichen und wesensverändernden Bereich, unfähig, Akzidenzen als solche zu erkennen und sie zu sublimieren? Zeihen mich der Gefühlskälte. Dabei wissen sie, von ihrer Gefühlsduselei betäubt, nichts über Gefühle, aber viel über Selbstmitleid und vergessen darüber ihre Nächsten. Wieweit darüber befindet sich derjenige sittlich, der lieber selber seiner Trauer ein Ende macht, als darauf zu warten, dass sie eines Tages gegen den Willen oder davon unabhängig weicht. Ich will Deine Trauer nicht brechen, Du selber kündige ihr auf!

Pflege Dein gestriges Lächeln und weine nicht um mich. Um jemanden, der in einem bisher nicht für ihn vorstellbaren Maße im Reinen ist mit sich und seinem Leben. Der sich zuweilen nervt, aber der Aufforderung des pythischen Orakels nachgekommen ist. Der seine Situation ein-, doch mit niemandem persönlich tauschen würde. Der im inneren Frieden mit der Absurdität der Existenz die Fähigkeit, sich über Details zu empören, nicht verloren hat. Nein, weine nicht um mich. Freu Dich mit mir. Weine nicht dies wunschloses Unglück, sondern wünsch‘ Dir was! – Dein Dich liebender Sohn.

 

28.01.2016 (58)

Keine Sau interessiert’s

Man kennt die stereotype Geschichte aus drittklassigen Kriminalfilmchen und -erzählungen. Mann aus der Provinz, jung und impulsiv, pflegt mit anderen jungen, impulsiven Männern der Provinz provinzielle Männerliebhabereien. Trinken, Raufen und ein bisschen Unsinn treiben. Man feuert sich gegenseitig an, bis der Unsinn zur Untat wird. Ist es soweit, nutzt es nichts mehr, dass Straftaten alkoholisierter Jünglinge jahrhundertelang zum guten Ton gehörten, bis heute noch vielerorts Hauereien nicht nur der guten Ordnung halber abgehalten werden, sondern gar den obligaten Kehraus eines rauschend gelungenen Volksfesttags markieren.

Ausgeschenkt wird statt Bier und Watschn nunmehr Zuchthaustee, farblos, lack. Der Delinquent (D.) ist einsichtig und wird nur halb vom Tenor des ihn verurteilenden Verdikts gedrängt, eine Alkoholtherapie aufzunehmen. Er erkennt seine Fehler und will sich bessern. Natürlich spielt seine Familie, die er sehr vermisst, eine entscheidende Rolle dabei, dieses Mal echt was ernsthaft durchzuziehen. D. ist bereit. Es kann losgehen. Mehrfach bewirbt er sich in verschiedenen Einrichtungen des geschlossenen Vollzugs um einen Therapieplatz – vergebens. Seine zunehmende Frustration wird von der Versuchung an die Hand genommen, bietet dem universalen Angebot fruchtbaren Boden und ehe er sich’s versieht, hat er ein kleines, importiertes Alkoholproblem und ein großes, vor Ort ausgebildetes Drogenproblem. Zunehmend kauft D. alles, was prall macht, kann aber nur noch abnehmend bezahlen – dies ist allen Offiziellen bekannt. Die Cocktails, die er sich verabreicht, werden immer intensiver und experimenteller. Eines Tages bricht er an seinem Arbeitsplatz, epileptisch zuckend, zusammen und wird folglich in der Anstaltspsychiatrie unter strenge Beobachtung gestellt – zu seinem eigenen Schutz, wie es heißt. Kurz darauf verstirbt er irreversibel an der Überdosis eines vom deutschen Betäubungsmittelgesetz geächteten Opiats.

An diesem Punkt übernehmen in staatlichen Propagandaschmonzetten gewöhnlich jugendlich scheinende Heroen die Tatort-Arbeit und haben dabei die größte Not, sich die Presse, die einen veritablen Skandal in einer staatlichen Aufbewahr- und Bestrafungsanstalt wittert, vom Leib zu halten. Stereotype Geschichte: Ende.

Regelmäßigen Besuchern mag aufgefallen sein, dass heutiger D. mit dem des Eintrags vom 18.01.2016 identisch und real ist. Stellt es eine Binsenwahrheit dar, dass man erst tot ist, wenn nicht mehr von einem gesprochen wird, muss die Frage erlaubt sein, wie weit es sich dann nur sprichwörtlich mit dem Totschweigen verhält. Es geht nicht um eine Relativierung von D.s Straftat oder Schuld. Wenn der Staat aber seine Bürger – oft genug entgegen evidenter Beweislage – wegsperrt, sie nicht vor existentiellen Gesundheitsschäden bewahrt, geschweige denn ihnen beim Läutern hilft, und zumindest zusieht, wie sie unnatürlich vor seinen Augen sterben wie Fliegen (vor Gericht hieße das bei einem nichthoheitlichen Angeklagten: ’nahm den Tod billigend in Kauf‘), wäre es dann nicht an der Zeit, nur eine Zeile darüber zu berichten? Blanke Meldung, ohne Wertung? Wo seid Ihr, Kinder Ossietzskys, wenn der Staat versagt?!

 

27.01.2016 (57)

Woher – wohin?

Die Behauptung, der Weg, den ich gehen musste sei irre, beruht auf einem Mangel an Kenntnis des rechten Weges.

 

26.01.2016 (56)

Überdosis Realität

Die graumelierte Scheiße, Vogelscheiße, der Tauben Kommentar zum Weltgeschehen, die am Kniestock wohnten, dort oben, wo das Hauptschiff des Kirchengebäudes, das den Gefängnishof in gleiche Teile teilte, gedeckelt wurde, sie war es, die mir ungerührt auf die Schulter träufelte, als ich mir gerade nichts dachte. Auf einmal mehr kommt’s auch nicht an, dachte ich nun. Immerhin bietet das buchstäbliche Angeschissenwerden dem Angeschissenen die Möglichkeit, das Angeschissensein mit einfachem Garderobenwechsel zu beenden.

Beim zweiten Versuch nahm ich die Brille ab. Von unschätzbarem Wert erweist sich in dieser Umgebung die oft zu Unrecht gescholtene Kurzsichtigkeit. Sie eröffnet eine dritte Ebene visueller Realität, die den Adleraugen nicht gegeben ist. Diese haben mit Augen auf – Augen zu nur ein Ja – Nein. Ich dagegen verfüge über Ja – Nein – Wurscht. Freilich ist es kein eskapistisches, vielmehr ein fatalistisch-folkloristisches Wurscht süddeutsch geprägter Gelassenheit im Sinne eines ‚Da werds no was gebm, und wenn ned, feiht si a nix‘.

Das Stimmengewirr verlor seine Zuordenbarkeit und diente noch als hintergründig pulsierende Leinwand neuer Eindrücke. Kein ‚Hey, Oida‘, keine Taubenscheiße und keine Kirche mehr. Nur noch das grüne Gras unter mir, der blaue Himmel über mir, die Klimmzugstange vor mir. Der rote Strom schoss aus meiner Nase, ergoss sich auf meiner Jacke und bremste sein Ungestüm erst in dem wachsenden See, den er auf ihr bildete.

Dritter Versuch…

 

25.01.2016 (55)

Auf dem Papier

Was könnte man nicht alles mit 78.600 KJ anfangen? Keine Angst, es folgt nun keine unmotiviert forcierte Aufzählung abwegiger Gerichte, weil es darum gar nicht geht. Vielmehr geht es um die Frage, warum das täglich von der Anstalt ausgegebene Brennmaterial offiziell so präzis angegeben wird, dass wir am Ende dieser Woche auf eine Versorgung unserer körperlichen Hüllen mit dieser amtlich festgestellten Summe zurück geblickt haben werden. Ginge es, tatsächlich wie vorgeblich, um die Aufrechterhaltung eines obskuren Gesundheitsniveaus, sollte auch über die Aufnahme der zur Verfügung gestellten Nährstoffe gewacht werden. Sogar im Gefängnis wird noch ein Rest von Qualitätsanspruch bewahrt und geht damit ein guter Teil des Essens unberührt seiner Wege nach der Devise: Iss nichts, was Dein Hund verschmähen würde! Die täglich exakte Kilojouleanzahl wird nicht nur theoretisch nur fürs Papier gezählt.

Im Kleinen offenbart sich hier ein allgemeines bürokratisches Handlungsprinzip. Bereits im Vorfeld eines gedachten Konflikts wird das Verhalten mit Blick auf die beste Rechtfertigung ausgerichtet. Es geht nur darum, im Falle einer Havarie bereits im Rettungsboot zu sitzen und so spät als möglich unterzugehen. Die Sache trägt man groß gedruckt vor sich her, schert sich aber nicht um ihre Bedeutung. Diese Mentalität,  die Verantwortung wie eine heiße Kartoffel in die Knackikost fallen lässt, pervertiert sich täglich selbst. In dem auf dem Staatsschauspielplan stehenden Maskenspiel übernimmt sie damit jedoch nur eine Nebenrolle.

Nichts ist falsch an Kartoffeln, deklariert als ‚Schweinemast oder JVA Straubing‘. Niemandem haben Maden, Mehlwürmer oder Mäusekot geschadet. Keiner wird an Schlachtabfallresten im Gulasch oder an ein paar Kippen im Letscho sterben (nur eins davon gibt es offiziell in der JVA Stadelheim) – und wenn doch, steckt die Kilojoule-Statistik schon im Halfter bereit.

Montag 12.700, Dienstag 10.100, Mittwoch 8.300, Donnerstag 13.000, Freitag 10.500, Samstag 12.400, Sonntag 11.600, q.e.d.

 

22. – 24.01.2016 (54)

The loneliest man

Ich will keinen Trost. Diesen Knebel meiner Empörung, der mir die Luft zum Lodern nimmt, meiner Versöhnlichkeit, diesem alles betäubendem Reich, schmeichelnd, ins Vakuum, den nächsten Betäuber, drängt. Der so wenig Gegenwehr zulässt als ach so süßes Gift. Hinterhältiger Schmerzentferner!

Ich will keinen Tröster. Mitleidender Beschwichtiger mitreißender Reden vor leeren Stühlen. Sentimental in Selbstgefälligkeit Schwelgender, tröste Dich Du ob Deiner Feigheit!

Ich will das Bitterkraut kauen, das mich wach hält. Und unversöhnlich, unnachgiebig, unausstehlich – aber wach und bei Sinnen. Ich will die Staatsvergewalt spüren in jeder Faser, mich Euch zu Spotten geben, seht Ihr mich leiden – so tut es! Ihr tut es ohne Macht. Gewalt ist Euer einziger Gefährte.

Im Widerstand liegt wahrer Trost. Echte Nähe, statt simulierter Solidarität. Keine Beschwichtigung, keine Realitätsverklärung, kein doppeltes Netz. Heißes Blut und reines Leben.

Als einsamster Mann in der Welt bin ich neben den einsamsten Männern der Nicht-Welt nie verlassen. Ich sehe den Widerstand meiner Begleiter, ohne die ich längst das Atmen eingestellt hätte. Ihre Rede ist Nein, Nein. Liebe trägt ihre Worte und nichts ist darüber. Ich wehre mich, doch ich kann nicht, es wird mir so leicht, denke ich an sie.

 

21.01.2016 (53)

Verborgene Talente

Gerade noch trennte er Köpfe von Körpern, nun teilt er Dotter und Eiweiß. Gerade noch fleischlichen Genüssen zugewandt, geben nun Torten seinem Leben einen Halt. Er steht am Herd, breitbeinig, wie es sich für einen echten Mann gehört, die Daumen hinter dem Hosenbund versenkt, die Finger in stetem Galopp über seine sommergeblümte Schürze tippelnd, und unterhält sich angeregt über die Vorzüge der Umlufttechnik und die Notwendigkeit des Vorheizens, tauscht erhitzt Backrezepte aus, verliert dabei aber nie das Backofenfenster aus dem kühlen Auge. Hinter heute leicht beschlagener Scheibe ruht rundlich etwas sich zunehmend Verdunkelndes. ‚Russisch-Käse-Sahne, braucht noch zwei Minuten. Bräunungsgrad passt, aber die Oberflächenwölbung könnt noch Hub vertragen.‘

Käse-Sahne? Ist gar kein Akt. Panettone und Tiramisu, Apfelstrudel Wiener Art, Marillen, Topfen in Knödelgestalt. Prinzregenten und Pogatscherl, Sacher und Bowidldatscherl; dieses gibt’s nur saisonal, Weihnachtsgebäck das ganze Jahr. Das wäre das Aufwärmprogramm.

Von den vielen Begabungen, die während eines Gefängnisaufenthaltes gefördert werden, ist eine der noch wenigen legalen die zur Patisserie. Erhält man Zugang zu einer Küche, findet man wundervolle Beschäftigungen, welche die Kreativität kitzeln. Der Entwicklungsstand ist unmittelbar an der Nachfrage ablesbar. Je zügiger ein Werk verputzt ist, desto näher war man am Ideal der perfekten Rezeptur. Produzenten und Konsumenten sind von weitem erkennbar, wie sie ihre Leibesfülle, einst muskelbedingt, als Reklame der eigenen Leidenschaft präsentieren: ‚Traue nie einem dünnen Konditor!‘ Die Glückseligkeit genussvoll glucksender Gourmands scheint perfekt. Solange niemand leichtsinnig das Terminkalenderdogma der sakrosankten Backzeiten in Frage stellt, wird es auch keine Fleischwerdung der Mehlspeise mehr geben.

 

20.01.2016 (52)

Geheimnis Eures Glaubens

Am lebendigen Leib getötet werden. Im zehnten Jahr mit Bedacht, damit Ihr Euch noch eine Weile weiden könnt an Eurem Werk. Vermutung, Behauptung, erigierter Zeigefinger, flankiert von Geschwätz allerorten.

Ach, hört nur Eure Floskeln, die Euch zu Überzeugungen leiten! – Wisst Ihr denn nicht?: Überzeugungen hat nur, wer nichts vertieft hat!

 

19.01.2016 (51)

Totale Toleranz

Gleich einer von der Welt geschiedenen Gesellschaft, entwickelt jedes Gefängnis im Laufe der Zeit seine eigenen sittlichen, kulturellen und sprachlichen Eigenheiten. Je länger die Gemeinschaft dabei isoliert ist, umso ausgeprägter werden die Unterschiede. Das hiesige Zuchthaus, zu Recht von einem seiner Leiter öffentlich als „Endstation Straubing“ bezeichnet, fördert folglich diese Unterschiede mustergültig bis ins Extrem.

Es kann durchaus geschehen, dass man jemanden, weggesperrt in ein paar Metern Entfernung, Jahrzehnte nicht zu Gesicht bekommt. Meistens ist das kein allzu großer Verlust, weil die wenigsten zu ausladend sinnlichen Zusammenkünften einladen würden, und diese Zurückgezogenheit die einfachste Möglichkeit darstellt, Konflikten aus dem Weg zu gehen. Als Ergebnis bilden sich Kleinstgruppen aus höchstens ein paar Mann. Sie kreisen um sich in einer für andere unerreichbaren Galaxie, und bilden nun ihrerseits abgrenzende Merkmale aus.

Unverzichtbar in diesem monadologischen Mikrokosmos wird dann die Toleranz. So abgeschieden die anderen auch auf ihren Planeten ein fremdes Leben führen können, so wenig kann man sich seinem eigenen Soziotop entziehen, will man nicht völlig mit ihm brechen. Die Arrangements gehen schließlich soweit, daß man sein Gegenüber nicht nur akzeptiert für das, was es ist, sondern respektiert für das, was es sein will.

Solange mein usbekischer Spezi Ivan nun das Leben des Nordmanns Ansgar führt und alle übereinkommend höflich bleiben, hätten wir bereits den Idealfall geschildert. Wenn jedoch die zur Realität gewordene Spinnerei ihren Lauf nimmt, und man nicht mehr dankbar für die zugestandene Wunschidentität einfach mal den Ball flach hält -sondern den Großzügigen aus der neuen Rolle heraus, mit allem Dünkel, den der zugrunde liegende Idealtypus nie zeigen würde, als minderwertig beschimpft -, ist es wohl an der Zeit das Experiment zu beenden.

 

18.01.2016 (50)

Annihilation – eine unendliche Geschichte

Ich sei vollzugsfeindlich eingestellt. Eine Erteilung der beantragten Drehgenehmigung hätte zudem einen schädlichen Einfluss auf mich. Das Gespräch könnte mich in meiner Auffassung, ich sei unschuldig, bestärken, damit zu einer negativen Persönlichkeitsentwicklung führen und meine Eingliederung behindern. Deshalb würde nun die nächste Interviewanfrage eines Journalisten abgelehnt.

Apropos Eingliederung. Die wird es für D. nicht mehr geben. Sollte er jemals das Bewusstsein nach gängigem Verständnis wieder erlangen, wird seine geistige Kapazität mit Vogelfüttern erreicht sein. Auslöser seines Hirnausfalls war die Überdosis eines fatalen Cocktails aus legal verabreichten Drogen.

Dass man einen Abhängigen nicht rund um die Uhr kontrollieren kann, ist klar. Dass D.s Zusammenbruch absehbar bevorstand, ist es weniger. Einem Mitglied des Vollzugspersonals fiel das Horten von Medikamenten bei D. bereits vor Wochen auf, und es meldete dies wie auch die denkwürdig kurzen Handelswege zu D. vorschriftsmäßig der zuständigen Stelle. Die Antwort lag in der Aufforderung, doch nicht so genau hinzusehen.

Ach ja, zwischenzeitlich wurde D. die Tauglichkeit für eine Haftunterbrechung attestiert. Wer die Handhabung der Haftverschonung im bayerischen Strafvollzug kennt, weiß, dass D.s Frau ihren Mann, und D.s Kind seinen Vater nicht mehr zurückbekommen werden.

Ja, klar bin ich vollzugsfeindlich!

 

16. – 17.01.2016 (49)

Kaum ein Hauch

Die Dämmerung war weit vorgeschritten. Draußen sah man dicht durch die Trübe den Schnee niedergehen. Windstille hemmte den Fluss der Zeit, und vereinzeltes Aufblitzen tanzender Kristalle gefrorenen, fallenden Wassers im Lichtkegel der Suchscheinwerfer verliehen der Totenstille etwas Feierliches. Der einzige Hauch, den ich spürte, war mein Atem, der, vor einem Augenblick noch tief Teil von mir, nun bereits zwischen den Gittern hindurch nach außen gesogen wurde. Ein schöner Gedanke, diesen Atem im Äther auf eine Reise in die Ewigkeit zu schicken. Noch drehte er Pirouetten, scheinbar die Unverwüstlichkeit unserer lange unterdrückten Leichtigkeit vorführend, taumelte hin und wieder hernieder und flüchtete vor einer drohenden Lichtsäule.

Zum ersten Mal seit zehn Jahren hatte ich einen Fixpunkt in der Dunkelheit ausgemacht. Seit zehn Jahren zum ersten Mal habe ich den Mond gesehen. Ich habe nur die Zelle gewechselt, Südseite für Nordseite, doch eine ganze Dimension gewonnen. Noch hatte mein Blick einen Vorsprung. Wann mein Atem ihn wohl erreicht haben wird?

 

14.01.2016 (48)

Sprechendes Mobiliar

Je unvermuteter und intensiver ein Ereignis über uns kommt, desto unwiderruflicher teilt es das Leben. Das Vorher-Nachher wohnt dabei als allgemeine Dualität in jedem Ereignis.

Der Glücksfall isoliert, nachdem er mit der Situation versöhnt und zumindest für den Augenblick zufrieden gestellt hat. Der Glückliche feiert sich und seine Unbesiegbarkeit (bis zum nächsten Ereignis), weiter nichts. Nicht erst der Verliebte wird sprichwörtlich blind für seine Umgebung, die als Objekt umarmt werden will.

Dagegen öffnet der Unglücksfall eine verschlossene Welt außerhalb von uns. Alle Dinge werden beredt. Es ist der Unglückliche, der nichts als reines Objekt mehr betrachtet, sondern alles Seiende in sich aufnimmt. Er sieht sich, betrachtet den Glücklichen und wird dadurch durchlässig über sein Leid hinaus für alles Leid. Erst nach einem inneren Erdbeben steigt die Aufnahmefähigkeit, schärft sich die Rezeption bis hin zu einer panoramatischen Sensibilität. Dinge beginnen sich mitzuteilen. Sie kommunizieren nicht wie mit Psychiatriepatienten, sondern werden zu universalen Bildern.

Meine Zelle ist so klein, dass man rausgehen müsste, wollte man sich umdrehen. Doch kann sie nie klein genug werden, steht sie für die Welt. Dieser Stuhl ist jeder Stuhl, dieser Tisch ist jeder Tisch, diese Wände sind jede Wand und all ihre Geschichten werden meine Geschichten.

 

13.01.2016 (47)

EDV-Erkenntnis

Dem Gefangenen wird zur Strafe die Freiheit genommen. Im übrigen soll das Sträflingsleben so weit als möglich dem Leben in Freiheit angeglichen werden; so weit die Theorie.

In der Praxis fällt mit dem staatlichen Wegsperrwesen jedoch alles, was einen unappetitlichen Zellhaufen zu einem allumfassenden Produzenten macht. Was man zur Erhaltung der physischen Existenz benötigt, darf man behalten und wird gestellt. Die Bewahrung seiner Körperlichkeit wird zum höchsten Prinzip des Gefangenen und damit das menschliche Wesen zum bloßen Mittel seiner Existenz degradiert – nicht die unwesentlichste Umkehrung eines universellen Wertes durch das Gefängnis.

Nach meiner Erinnerung zum ersten Mal hatte ich, bisher ohne jegliche Computeraffinität, während der ersten Sitzung des EDV Kurses ‚Office‘ gestern eine schöne Zeit vor einem Computer. Ich danke dem Gefängnis für meine Zulassung. Ich danke dem Gefängnis für diese schöne Zeit. Ich danke dem Gefängnis für jene Erkenntnis.

 

12.01.2016 (46)

Total recall

Es deutete sich bereits seit ein paar Sätzen an. Noch hoffte ich, er bekäme die Kurve oder ich hätte einfach etwas falsch verstanden. Er steuerte zielgenau auf meine Erinnerung zu. Als Subjekt. Oder ließ ich ihn als Teil meiner Umwelt bloß unüblich nah und intensiv heranrücken? Unverfänglich, wie sich neue Erfahrungen mit gesetztem Gedächtnisbestand vermählen? Das Thema tut nichts zur Sache. Erstens ist es austauschbar, zweitens bin ich zu dem Ergebnis gekommen, dass mein Gesprächspartner zumindest zunächst als Leser dieser Zeilen vor sich selbst anonym bleiben sollte.

Nun handelte unser Gespräch also, wovon es handelte. Argumente wurden aufeinander losgelassen, Zwischenergebnisse hinterfragt. Neues drängte zu Altem mit dem Ziel, vielleicht zu einer neuen Erkenntnis zu gelangen. Gerade erreichten wir einen Punkt, der uns schon vor einer Woche beschäftigte, und zu dem ich aus meinem Leben vor der Haft etwas von hoher individueller Wiedererkennbarkeit beisteuern konnte.

Seine Sätze entfernten sich mit jedem einzelnen mehr von der allgemeinen Wahrscheinlichkeit, eine meiner Situation lediglich ähnliche zu beschreiben. Und plötzlich befanden wir uns in meiner Geschichte. Der Mann, der vor mir stand, ließ mich im Brustton der Überzeugung an den Erlebnissen teilhaben, die ich vor einer Woche erzählt hatte. Nur war er jetzt der Ich-Erzähler.

Solche mythomanischen Schübe sind im Gefängnis keine Seltenheit, entwickeln sich beizeiten gar zu einer veritablen Pseudologica Phantastica. Man sucht sich eine schöne Geschichte aus, die einem gefällt, doch nicht gehört, setzt sich hinein und lebt sie als die eigene, ohne rot zu werden. Der Auslöser für diesen Dachschaden interessiert hier nicht, allein die Tatsache, dass die Verbindung zur Realität, wie sie in allgemeiner Übereinkunft verstanden wird, gekappt wurde, sei es freiwillig oder nicht. Die Quelle der eingepflanzten Erinnerung wird nicht mehr als solche anerkannt, sondern verwandelt sich zu einem beliebigen Adressaten ureingenst-uralter Heldentaten.

Zum Beispiel dauerte die Ithaka-Fahrt eines seit über vierzig Jahren Inhaftierten herkömmlicher Zeitrechnung gemäß mindestens ein Jahrhundert, berücksichtigte man nur einen Bruchteil der in Chronologie und Details situationsbedingt flexiblen Abenteuer. Zeigt man sich als Zuhörer unbeeindruckt, wird noch während des Erzählens an der Dramatisierungsschraube gedreht. Wie oft wurde ich dieser Drachentötergeschichten teilhaftig, um mich blickend, nach jemandem Ausschau haltend, der mich in meinem Elend gesehen haben könnte, mit dem ich diese Vorträge immerhin als absurdes Theater hätte belachen können?! Niemals jemand. Da braucht man schon eine gewisse Atemtechnik, um bei diesem Klientel einigermaßen gerade im Kopf zu bleiben. Dauerhaft persönlich getroffen wurde ich bisher nicht. Die Leute gingen mich nichts an oder waren, wie der Drachentöter, einfach Grattler aus dem Bilderbuch.

Bei meinem jetzigen Gesprächspartner war das bis dato anders. Ich glaubte ihn psychisch stabil.

Was mir nun keine Ruhe lassen wird, ist nicht die Frage, seit wann ich eine eventuell chronisch gewordene Phantasterei bei ihm übersehen haben könnte. Ebenso wenig, inwieweit ich als ähnliche Wellenlängen Reitender auch gefährdet sein könnte. Sicher, in den Augen des Verrückten ist er der noch einzig Normale seiner Umgebung. Aber das behaupte ich nicht. Ich will gar kein Normaler meiner Umgebung sein. Es geht allein um das Eigentum an der Primärerinnerung des Erlebthabens. Um die Gewissheit, nicht vom Treibsand im eigenen Kopf verschlungen zu werden. Sowohl Ablauf als auch Akteure der von uns beiden beanspruchten memoria delicti fügen sich für mich harmonisch nahtlos und vollständig in ein homogenes Bild, so dass ich hier nicht schwanke.

Ratlos stehe ich trotzdem vor diesem letzten Normalen der Vorhölle zum Wahnsinn und weiß nicht weiter. Ich habe ihn nicht falsch verstanden. Sein Faden ist gerissen. Vielleicht hätte ich sofort eingreifen und aufklären müssen, als mir klar wurde, dass er im Begriffe war, meine Geschichte zu annektieren. Es deutete sich ja bereits seit ein paar Sätzen an. Im Idealfall hätte diese kleine Peinlichkeit dann als Anekdote getaugt, im weniger idealen zur Kränkung einer ertappten Seele geführt.

Was aber, wenn dieser psychisch stabil Geglaubte instabil auf die Offenbarung seiner Mythomanie reagiert? Wenn er intellektuell begreift, dass er die Grenze überschritten hat, wenn er nunmehr verständig seiner Vernunft beim Faulen zusehen muss. Fällt er dann gänzlich auseinander? Wäre es nur ein kleiner Sprung in der Schüssel, ein Haftschaden Deluxe, den man gut kontrollieren und pflegen kann, solange es bewusst vonstatten geht – halb so wild. Wenn es aber das Abgleiten in einen Haftschaden Royal bedeutet? Hakuna Matata? Nie wieder Sorgen haben? Nie wieder Sorgen. Nie wieder. Nie. – ?

 

11.01.2016 (45)

Kuckuck

Die Rolle des Blockwarts, der in großväterlicher Umsicht den ordnungsgemäßen Ablauf der Geschäftlichkeiten in seiner Straße überwacht, gibt es auch im Gefängnis. In gleicher Pose lehnt dieser Gschaftlhuber statt an einem gepolsterten Fenstersims, an einem metallenen Geländer und verbringt seine Freizeit dort. Arme brustseitig verschränkt, Oberkörper vorgebeugt und aufgestützt, ein fliegender Unterschenkel hintan über dem Standbein. Der Tag kann beginnen.

Nicht immer begründet das Sammeln von Informationen in hoheitlichem Auftrag dieses Trauerspiel. Oft haben die Leute einfach nichts besseres zu tun, als mal so ein bissl rumzustehen. Ohne Arbeit fehlt ihnen die Fähigkeit zur Selbstbeschäftigung und sie beginnen, selbst die dümmsten und überflüssigsten Informationen zu sammeln, deren Weitergabe ihnen eine gewisse Bedeutung verleihen soll. Ihre Hafttraumtür erinnert an eine Kuckucksuhr. Tür auf, Knacki raus, Tür zu. – „Was is? Is was?“ Tür auf, Knacki rein, Tür zu. Und so weiter. Beobachtet wird tagein-jahraus, wie nichts passiert.

Dem ewig wiederkehrenden, äußerlich unveränderten Tagesablauf, dessen Höhepunkt unzweifelhaft das Aus- und Einrücken der Arbeiter in die und aus den Betrieben darstellt, wohnt zunächst noch ein Teil des Kuckucksschwarms bei. Zum wöchentlichen Schubtag hingegen ist endlich Olympia und die gesamte Redaktion auf den Logenplätzen des Proszeniums versammelt. Die herbei gekarrten Neuankömmlinge werden in ihrem Unglück betrachtet, wie sie nacheinander aus dem Bus gebeten werden und ihren Weg durch ein Spalier von Sicherheitsbeamten in das Gebäude eintreten, das zum Grabe ihrer Jugend werden wird.

Die Redaktion ist dabei, sich zu erhitzen. Juanito El Espectador, zuständig für neueste Nachrichten aller Art und den Pressespiegel, zeigt eine für einen Mann seiner Körperfülle ungewöhnliche Erregung: Seine Stimme überschlägt sich, wenn sie nicht gerade stockt. „Des da ist doch der Soundso, des stand doch da und da – was hat der noch gleich alles gemacht?!“ Lakonisch muten demgegenüber die Kommentare von Waldorf und Stattler von der Meinungsseite an. „Mei, eahm schaug oo, die Drecksau. Besser wird’s sei, wenn der si glei amoi ned blicken lasst.“ Die Volontäre für Klatsch und Tratsch schnappen sich die Reste und alle wirbeln auf dem Marktplatz der Widerlichkeiten.

Sollte ein ehemaliger Straubinger Häftling gefragt werden, was er denn die letzten dreißig Jahre getan habe, könnte es also durchaus zu der Antwort kommen: „Am Geländer gestanden.“

 

09. – 10.01.2016 (44)

Sprachgefühl

Spreizt sich einer in des andern Metapher, so bahnt sich ein Streitgespräch an. Zumal wenn der Eindringling ungefragt beginnt, die Komposition umzustellen. „Du Spezi, jetzt schleichst Di fei aus meinem Wortbild!“ – „Des glaub I ned. Nachdemst as ausgsproch’n hast, ghört’s uns allen; außerdem passt’s jetzt erst, nachem ich’s umgestellt hab.‘

Es gab Zeiten, da nur der eigene Tabakvorrat mit allen Mitteln verteidigt wurde. Der persönliche Einsatz für Individualsprachschöpfungen gegen die entmaterialisierte Solidarität bayerischer Gefangenenschaft zum Schutze allgemeiner Sprachschönheit hinter Gittern ist neu. Früher führte die Aufforderung, doch bitte ausschließlich unter Verwendung korrekt platzierter Präpositionen angesprochen zu werden, unweigerlich zu einer Watschn. Jetzt wird debattiert. Es besteht also noch Hoffnung!

 

07.01.2016 (43)

Selbstdemütigung

Die schlimmste, weil unheilbare Art der Entwürdigung, ist die Selbstdemütigung.

Ein Mensch kann vernichtet, er kann durch äußere Maßnahmen vorher erniedrigt werden. Nichts kann einem Menschen jedoch von außen angetan werden, das in den Kern seiner Würde dringen könnte, um sie dauerhaft zu zerstören – außer er lässt es zu. Dabei gehen subjektives Unglück, individuelle Schwäche und persönliches Laster eine schauderhafte Wechselbeziehung ein, die nur allzu oft in Selbstdemütigung gipfelt.

Männern, die in einer mit 20 Personen besetzten Wartezelle von acht Quadratmetern Größe auf die Knie gehen, um zwischen den Füßen ihrer Mitgefangenen nach noch verwertbaren Kippen zu suchen, oder für Aschenbecherinhalte um die Wette betteln, wird keine Gewalt mehr angetan. Sie sind bereits vernichtet, die Macht über sie ist vollkommen, die Entwürdigung nehmen sie an sich selbst vor.

Ewig hört man dann die gleichen Vorsätze und Beteuerungen, allein es kommt immer wieder das größte Unglück des Menschen nach seiner Geburt ins Spiel: seine Schwäche. Nichts ändert sich, der Strudel dreht sich weiter. Das Unglück bedingt die Selbstverachtung, diese wiederum zieht mit den nicht zu überwindenden Lastern weiter nach unten.

Der Mann betäubt sich, weil er sich nicht achtet. Und er achtet sich mit jedem Verrat seiner Vorsätze weniger –  bis der letzte Rest seiner Selbstachtung, die ihn noch in die Betäubung zwang, gelöscht ist. Wieder mal ’ne Würde tot. Auferstehung unwahrscheinlich.

 

05. – 06.01.2016 (42)

Alles ist wahr

In letzter Zeit wurde ich des Öfteren gefragt, inwieweit meine Einträge einen realen Hintergrund hätten. Die Antwort ist so einfach wie kurz. Alles ist wahr.

Natürlich verdichte ich und spitze zu. So gäbe es unschwer noch mehr und detaillierter zu erzählen. Beweisprobleme wären keine. Auf Realnamen kommt es dabei nicht an, da niemand unnötig exponiert, keiner an den Pranger gestellt werden soll. Es geht bei den Beschreibungen äußerlicher Vorgänge – auf nichts anderes beziehe ich mich hier – nur darum, die Kluft zwischen vermittelter und tatsächlicher Realität im staatlichen Strafjustizwesen Bayerns aufzuzeigen.

Ich behaupte nicht, wir hätten nordkoreanische Verhältnisse. Die kenne ich nicht. Ich weiß aber, dass ich noch keinen ausländischen Strafgefangenen der JVA Straubing ohne familiäre Verbindung in Deutschland erlebt habe, der sich nicht auf seine Abschiebung gefreut hätte. Iran, Russland, Kongo, China, Vietnam – allesamt schlimme, schlimme Unrechtsstaaten – werden mit ihren Gefängnissen für diejenigen, die sich mit der real-existierenden bayerischen Justiz wie auch der ihrer jeweiligen Heimat auskennen, zu Sehnsuchtsorten einer Überstellung.

Behauptete jemand, ich schriebe nicht die Wahrheit, bäte ich gern um ein Tänzchen auf dem Beweisparkett. Dieses wird aber leer bleiben angesichts eines Systems, in dem die Behauptung Tatsachen schafft und der Behauptende praktischerweise über die Einhaltung dieser seiner selbstaufgestellten Regeln wacht. Angesichts eines Systems, in dem Wahrheit Lüge und Lüge Wahrheit bedeuten. Angesichts potentieller Tanzpartner, die mit zunehmender Verrohung wirklich glauben, dass es die Wahrheit ist, nicht mit einer Lüge erwischt zu werden. Natürlich handelt es sich dann um legitimiertes Lügen unter Freunden der Verfassungsfeindschaft, da der Rechtsbruch zum Tagesgeschäft gehört. Ich nenne sie zurückhaltend Verfassungsfeinde, da es nicht darauf ankommt, was sie noch alles sind, und ich nenne sie nicht beim Namen, da einer für alle gilt – ausdrücklich (erneut) mit der Einschränkung auf den Pool aller mir bekannten Zivilisten.

Ein aufrichtiger, ehrlicher, gesetzestreuer Bürger schafft es heutzutage nicht mehr auf einen Stuhl in der Justiz, auf dem er echte Entscheidungen treffen könnte. Nur diejenigen verbleiben im System, die dessen Sauereien als die ihren wie selbstverständlich mittragen, rechtfertigen und bei den in diesen Einträgen geschilderten Vorkommnissen nicht mal rot werden. Das System ist unmenschlich, und so kommt es auf den Menschen nicht an, sei er Proband oder noch Teil der Gesellschaft. Es ist nichts persönliches. Auch das ist wahr.

 

04.01.2016 (41)

Radio Gaga

Heute bekomme ich ein Radio. Mit Kurzwellenempfang. Für die Jüngeren: Das ist das Internet für Grufties aus dem Analogozän.

Nach drei Jahren findet damit ein Verwaltungsakt seine Erledigung, den ich vermissen werde, diente er mir doch lange Zeit als Kabarettersatz. Nur Außenstehende werden den Charme eines ewig wiederkehrenden Dreisatzes aus Genehmigung, Lieferung, Nichtaushändigung verkennen, nur Kleinkarierte auf das Gesetz pochen angesichts der zeitlosen Weite gänzlich ironiebefreiter und ohne jegliches Augenzwinkern vorgetragener menschlicher Geistesregungen wie: „AM, FM, SW: ? – Naa, den kriegt er nicht, der hat Schwarzwelle!“

 

02. – 03.01.2016 (40)

Des is Freiheit

Gibt es eine haltlosere Freiheit als die des Gefängnisses? Jenseits des alltäglich herzkammerlos flimmernden Pulses tyrannisierender Hektik, des rhythmisch rollenden Gestampfes Eures Gelebtwerdens zwischen Produktpaneel und Konsumkrakeel, Propagandapopanz und Tugendterror?

Niemand verdankt mir was, und ich verdanke niemandem was. Das schließt Gott mit ein. Er hat mich schon vor langer Zeit verlassen, wenn er sich überhaupt noch an mich erinnert. Gibt es keinen Wohltäter, kommt man nicht in die missliche Lage, sich in selbst betrügerischer Manier eine Rettung vorzuspiegeln, die einzig am Gutdünken eines eiligen Geistes hinge. Wer in dieses Zuchthaus eintritt, lasse alle Hoffnung fahren! – Von der Angst wird man als Zugabe aber immerhin auch gleich befreit.

Ich sage Bitte, Danke. Ja, Nein, Amen. Grattler! Und Entschuldigung. Nur sag´ ich es, wann und wenn ich will, und nicht, wenn ich es soll.

Ist man an die Kälte dieser Konventionslosigkeit einmal gewöhnt, kommt die Wärme der Unbeteiligtheit dank Nichtbeteiligung aus dem Innern und wärmt dauerhaft. Selbstredend ist sie als Kompass dann stabiler als jede Konvention es sein könnte.

Betriebsleiter K.: „Herzlichen Glückwunsch, Herr Toth, zu Ihrer Aufnahme ins Chefbüro.“

B. T.: “ – “

B. K.: „Immerhin hat es vor Ihnen noch niemand so schnell geschafft. Manche arbeiten Jahrzehnte darauf hin.“

B. T.: „Ist das jetzt der Zeitpunkt, an dem ich mich bedanken sollte?“

Vielleicht aufgrund solcher Gespräche behaupten manche, ich sei ein unerträgliches Arschloch, andere lediglich, ich sei nicht ganz sauber.

Vielleicht aber haben wir alle drei recht, wenn ich behaupte: Pluralismus der Meinungen immer und überall und um jeden Preis! – Des is Freiheit. (Tut mir leid, Josef Hader, Ihre Definitionen sind richtig und wirklich, aber meine ist wahrhaftig).

 

31.12.2015 / 01.01.2016 (39)

Ein gutes Jahr

Betrachtet man das Leben als Umdünstung von Sauerstoff in andere Gase, vorgenommen von überdimensionierten Molekülhaufen, kann man auf ein erfolgreiches Jahr zurückblicken. Nahezu alle Umwandler der Abteilung C im Haus I des Straubinger Zuchthauses funktionieren noch, Defekte und Ausfälle gründen im natürlichen Materialverschleiß und sind nicht der Rede wert.

Nicht der Rede wert scheinen auch diejenigen Verluste zu sein, die auf Selbstzerstörung zurückgehen. Berichtet wird von den entferntesten Orten des Planeten anlässlich politischer Hungerstreiks ab dem dritten Tag, Straftaten talentfreier Musikerinnendarstellerinnen, Wehwehchen internationalisierter Wirbelsäulenheiliger. Mag sein, dass diese Ereignisse ihre Meldung verdienen wie etwa das Verschwinden von elf Meerschweinchen aus dem Bayerischen Wald (Gott sei Dank hat man sie wieder gefunden, gemäß Update 24 h später). Gleichzeitig wird aber die Auffassung vermittelt, alles Relevante von der Crime Front erfahren zu haben.

Von Mohammed Ucan wurde nichts berichtet.

Mohammed Ucan war Insasse der JVA Straubing. Am 22. Januar 2015 beendete Mohammed, nach offizieller Darstellung, seine physische Existenz. Es war der einzige Freitod in unserer Abteilung dieses Jahr. Es war ein gutes Jahr.

Über Behandlungen zu diskutieren, deren es bedurfte, um Mohammed zu seiner Entscheidung zu bringen, steht dahin. Natürlich wurde er systematisch schikaniert. Natürlich wussten sowohl der Abteilungsleiter als auch der zuständige Sozialinspektor konkret von seiner Suizidgefährdung und taten nichts. Jedenfalls nichts, das Mohammed hätte helfen können. Egal, wie viele amtliche Stellungnahmen vulgo Fehlinformationen es geben mag, bleibt die Frage:

Was treibt einen Mann in den Suizid, der von seiner 13-jährigen Haft bereits über elf Jahre abgesessen hat?

Einen Mann, dessen gesamte Familie zu ihm steht und ihn so oft als möglich besucht (es war das Ehepaar Ucan, dessen Besuchsversuch mit Eintrag vom 08.12.15 beschrieben wurde); Frau, Sohn, Mutter, Vater, das letzte Mal noch drei Tage vor Mohammeds letztem Tag.

Einen Mann, der nicht zuletzt dank seiner Familie noch nicht finanziell ruiniert war, und so nicht, wie gewünscht, doch nie zugegeben, vor dem materiellen Nichts gestanden hätte.

Einen Mann, der immer noch gegen das, nach seinem Verständnis, fehlerhafte Urteil vorging, das seinen Straubinger Aufenthalt besiegelte.

Einen Mann, dessen internationale Klage, wegen nicht begründeten Torpedierens aller Wiederaufnahmebemühungen von deutschem Rechtsgrund und Boden, aus der Türkei bereits in Vorbereitung war.

Diese Frage bleibt an alle Nichtverantwortlichen und an alle Nichtberichter: Was treibt so einen Mann, was treibt Mohammed Ucan in den Tod?!

Einzig registrierbare, hausinterne Reaktion: Der die allmorgendliche Lebendkontrolle durchführende Beamte erhielt ein paar Tage Extra-Urlaub.

 

30.12.2015 (38)

Annihilation V

S. hatte noch Glück gehabt. Er diente ausschließlich als Prügelknabe eines entfesselten, bürokratischen Schuld-und-Sühne-Furors. War er kaputt, hatte er seine Schuldigkeit getan und konnte gehen – aus dem Bunker in seinen Haftraum (vgl. 28.12.2015). M. hatte weniger Glück. Jenseits unser aller Funktion als Bestrafungsobjekte des sich selbst ernährenden Apparats der Omikron-Männer war ihm ein weiterer Zweck zugedacht. Dieser Zweck verhinderte, dass man von ihm abgelassen hätte, nachdem er, wie S., psychisch in Einzelteile zerfallen war.

Nun waren sich S. und M. durchaus ähnlich. Vergleichbare Sozialisation in prekären Verhältnissen. Zerrüttete Familien ohne Struktur. Geborgenheit nur von der Straße. Schlechtes Selbstwertgefühl. Kein Wille, etwas zu ändern. Fehlende Vorstellungskraft, Perspektiven zu eröffnen. Dafür ein Zuviel an Unzuverlässigkeit,  Wankelmut, Aggression. Beides Jungs mit Herz und Potenzial. Diese Welt ist aber nichts für Jungs mit Herz und Potenzial. Ohne eine führende Hand kamen Flasche, Pille, Spritze, Knast.

Das Pech von M. war, dass D. ein Auge auf ihn geworfen hatte. D. war Scout der inoffiziellen Informationsabteilung der JVA Straubing, der Führungsoffizier aller IM „Lumpen“, ein ehrenwertes Mitglied der Gesellschaft. Er erkannte schnell M.s Potenzial. M. war schlau genug, den Fäden interner Abhängigkeiten zu folgen und an ihnen zu ziehen, wenn es verlangt wurde. Und er war nicht intelligent genug, die Motive des Puppenspielers D. zu durchschauen.

Da traf es sich gut, dass sich M. mal wieder im Bunker befand. Für D. galt es nun, M.s Bereitschaft zur Mitarbeit und seine Schmerzgrenze auszutesten. Was gesprochen wurde, kann heute niemand mehr sagen. Die Länge der täglichen Besuche von D. im Bunker nahm aber mit der Dosis der M. verschriebenen Psychopharmaka plus X ab. Eines Tages kam D. nicht mehr. Als ob er es geahnt hätte, hatte M. in dieser Nacht seinem Leben eine Ende gemacht. Drei Monate vor seiner Haftentlassung.

 

29.12.2015 (37)

Annihilation IV

Will man eine seriös belastbare Aussage treffen zum Einfluss einer Absonderung innerhalb des Zuchthauses auf den allgemeinen Gesundheitszustand, wäre es vielleicht diese: „Bunker während der Gefangenschaft kann tödlich sein.“

Rauchen ist dabei, wie jegliches Genussmittel, welches nicht unmittelbar der Aufrechterhaltung der körperlichen Grundfunktionen dient, verboten. Somit sind natürlich auch Feuerzeuge und ähnliche Utensilien, die nicht der Aufrechterhaltung der seelischen Grundfunktionen dienen, verboten. Um die Einhaltung dieser Verbote ordnungsgemäß durchzusetzen, unterbrechen passionierte Beschützer unseres Vaterlands auch mal gern ihren Krankenstand. Dem abzusondernden Häftling wird dann außer einem Stift, ein paar Blatt Papier und einer Bibel alles genommen. Dieses Prozedere führt den Kontrolleur an Orte, an denen man nicht mal den Arzt seines Vertrauens treffen möchte.

Wenn eine Absonderungszelle also brennt, ist das nicht die Regel. Wie sollte sie auch zu brennen anfangen? Alle Wand-, Boden-, und Körperöffnungen werden mehrmals täglich auf Schmuggelware untersucht. Weiter hält sich die Selbstentzündungskraft niederbayerischer Luft selbst während des Odelns ähnlich in Grenzen wie jene spezieller Bunkermatratzen. Und doch passiert, was nicht passieren dürfte. Über das Wie kann nur spekuliert werden, über das Wann nicht: Letztmals war es im April 2015 so weit.

Wohl wurde bereits die Presse fehlinformiert, so dass sie Entscheidendes nicht weitergab. Bei dem Zellenbrand in der JVA Straubing am 24.4. brannte eine Absonderungszelle. Und sie brannte lang.

Der Feuerarlarm war längst ausgelöst. Neben den Abgesonderten des separaten Traktes trommelten bereits alle anderen Gefangenen des betroffenen Hauses an ihre Türen, um auf sich aufmerksam zu machen. Die Kostklappe der brennenden Zelle wurde geöffnet, um zu kontrollieren, ob den Rauch, der sich mittlerweile im gesamten Haus verteilt hatte, auch wirklich Flammen befeuerten. Tatsächlich, es brannte. Reaktion? Klappe zu. Ja, und jetzt? – Warten wir mal, bis jemand kommt. Vielleicht kommt ja wer. Einen Absonderungshaftraum aufzusperren, wenn man nicht in Überzahl ist, verstieße gegen die Vorschriften. Wie war das mit Ausnahmen? – Keine Ahnung, im Zweifel gibt´s keine Ausnahmen. Aslo bleibt die Zellentür zu. Puuh.

Das Feuer brannte nach der Luftzufuhr per Klappenöffnung weiter munter wie Zunder. Nachdem endlich Verstärkung angerückt war und der geschmorte Abgesonderte mit lebensgefährlichen Verbrennungen, die er letztlich überlebte – vielleicht ist er sogar hübscher gewordern mit erhöhtem Haaransatz – in eine Klinik kam, gestand mir C., der nicht zum Dramatisieren neigt und sich in einem der angrenzenden Bunker befand, seine Gedanken während des Brandes: „So ein Mist, dachte ich. Jetzt hab´ ich meine 15 Jahre fast rum, und dann so was. Hätt´ des nicht im ersten Haftjahr passieren können?! Der Rauch stand ja bei mir schon an der Decke. Also, a Gaudi is was anders.“

 

28.12.2015 (36)

Annihilation III

Viele Wege führen in den Bunker. Die meisten von ihnen sind so vorhersehbar wie unvermeidlich. Allen sollte ein Disziplinarverfahren – eine Art fliegende Gerichtsverhandlung – vorausgehen, da Fehlverhalten sanktioniert wird. Immerhin handelt es sich beim Bunker um eine Gefängnis im Gefängnis. Totale Isolation in einer nacktgefliesten Zelle mit Matratze und, im Extremfall, nur mit Papierunterhose bekleidet und videoüberwacht. Das Beste an diesem Loch ist das Loch im Boden. Die Aufenthaltsdauer ist gesetzlich auf drei Wochen beschränkt. Natürlich gibt es Möglichkeiten, Jahre daraus zu machen. Was während dieser Zeit in diesem Vakuum geschehen kann, müsste den überzeugtesten Befürworter dieser Schande der Menschlichkeit zum Zweifeln bringen. Doch soll das uns hier genauso wenig interessieren wie die täglichen Lappalien, die am Anfang eines Bunkeraufenthaltes stehen und in denen ein Freier, selbst mit kindlich ungezwungener Phantasie, keine Gefahr und somit Sanktionierungsbedürftigkeit erkennen könnte.

S. war einer der regelmäßigen Bunkergäste, über die in dieser Institution keine offizielle Statistik geführt wird; lieber zählt man das allgegenwärtig universal verwendete „Mahlzeit“ und ist damit auch wirklich ausgelastet. In der Akte von S. kann man lesen: Wurde am soundsovielten bei einem routinemäßig vorgenommenen Drogentest positiv auf die Substanzen X, Y und Z getestet. Der Gef. (selbst in schriftlicher Form wird man kastriert) ist als Wiederholungstäter uneinsichtig und wird für die Dauer von 3 Wochen abgesondert.

So weit, so unspektakulär. Diesem Aktenvermerk ging folgendes voraus. S. erhielt Besuch von seiner schwerkranken Mutter. Nach dem Besuch brach diese noch auf dem JVA-Gelände zusammen und verstarb auf dem Weg in die Klinik. Gut zwei Wochen darauf wurde S. der Tod seiner Mutter im Vorbeigehen eröffnet. Da es keine Bildaufzeichnungen gibt, behauptet auch niemand, die Todesnachricht wäre von einem hämischen Grinsen begleitet gewesen.

Die Liebe zu einer Mutter und der Schmerz, sie zu verlieren, sind objektiv nicht messbar. Wenn es sich bei der Mutter aber um den einzigen Anker in einer multi-ethnisch zerrütteten, vaterlosen Familie in fremdem Land gehandelt hat, könnte es sogar einem Psychologen aufgefallen sein, dass hier etwas Außergewöhnliches passiert. S. war bereits vor seiner Haft als Junkie asozial, aber nicht antisozial. Schwach, aber nicht böse. Gefährlich infolge von Komplexbewältigung, nicht aufgrund Gemüts. Diese unheilvolle Kombination wurde in dem Zuchthaus, in dem es kaum illegale Drogen gibt, verstärkt. S. war jedem als Polytoxi bekannt, vor allem dem medizinischen Dienst und der Sicherheitsabteilung, die für ´die Abgabe von Betäubungsmitteln´(zitiert nach einer juristischen Stellungnahme der JVA Straubing im Rahmen einer gerichtlichen Streitigkeit) zuständig sind.

Auf die Nachricht vom Tod seiner Mutter brach S. auseinander. Zusätzlich zu seinen eigenen Pillen besorgte er sich auf dem Schwarzmarkt legaler Upper und Downer noch eine Extradosis. Ausnahmslos jedem im Haus war klar, dass S. voll wie eine Haubitze war mit Substanzen aus Laboren von DAX-Unternehmen, die Mediziner im Staatsdienst ´kiloweise, schaufelweise´(Aussage eines Sicherheitsbeamten) unters Volk gebracht haben. Die Drogenkontrolle am folgenden Morgen war dann tatsächlich nur noch reine Routine.

S. hätte Hilfe gebraucht. Sein ganzes Junkieleben schreit er bereits nach Hilfe. Ein Gespräch. Zwei. Wahrscheinlich mehr. Medizinische Begleitung auf dem Weg und mit dem Ziel, die Dosis benötigter Drogen zu reduzieren. Bekommen hat er eine unkontrollierte Zufuhr von Substanzen, die ihn und seine Umwelt gefährden. Die Ursache, ihn bestrafen zu können, war aber immerhin geschaffen.

Nach Ablauf der zweiten Woche wurde S. die dritte aus humanitären Gründen zur Bewährung erlassen. Vielleicht war es die göttliche Unterstützung in Gestalt des Anstaltspfarrers. Opium sticht Haloperidol!

 

24.-27.12.2015 (35)

Richtigstellung

Bedauerlicherweise unterlief mir im Eintrag vom 15.12.2015 ein Fehler, auf den ich glücklicherweise hingewiesen wurde. Gemäß anstaltsleiterlicher Anordnungsverfügung an die Versorgungsabteilung wurde die Seifenausgabefrequenz infolge verminderten Packungsinhalts entsprechend erhöht. Seit Juni des Jahres erhält jeder Gefangene somit nicht pro Quartal, sondern sechsmal jährlich eine Seife.

Ich bitte den Fehler zu entschuldigen und gelobe zukünftig meine Recherchepräzision zu erhöhen.

 

23.12.2015 (34)

Hofgang

Hofgang. Eine Runde: Hundertacht Meter. Gestern Mittag erreichte ich Sachalin. Die Halbinsel war bereits in Dunkelheit versunken. Ab heute heißt es Kehrt Um. Seit jeher war der Rückweg der beschwerlichere.

 

22.12.2015 (33)

Annihilation II

Es bedarf keiner großen Anstrengung, einen Menschen physisch zu zerstören. Erst recht nicht, wenn die Kräfteverhältnisse so deutlich verteilt sind wie zwischen Gefängnis und Gefangenem. Da jenes system-immanent und ungestraft gegen eigene Regeln verstößt, nach denen dieser gezwungen ist weiter zu spielen, wird es mit der Zeit ein bisserl fad. Der Einsatz wird erhöht. Die nun vorgelagerte psychische Zerstörung des anvertrauten Materials befriedigt den Spieltrieb und lockert dank ihres Facettenreichtums den monotonen Vollzugsalltag ein wenig auf.

Psychologisch bezeichnet wird dieses Ziel als erlernte Hilflosigkeit des Objekts. Das bedeutet, dass sich der Proband seiner ausweglosen Situation nicht nur temporär, sondern absolut bewusst wird, und er aufhört, eine für ihn positive Veränderung anzustreben. Die Möglichkeiten, diesen Zustand zu erreichen, sind en detail unbegrenzt und als Spielwiese staatlicher Strafvollzugsrechtler sehr geschätzt. Allgemein soll beim Häftling eine Hoffnungslosigkeit hergestellt werden, die ihm verdeutlicht, einem nie greifbaren, nebulösen Gegner gegenüber zu stehen, der ihm nach Lust und Laune die Luft zum atmen nehmen kann. Erreicht wird dies im Einzelfall u.a., indem der Gefangene selbst bei evidenten Rechtsverstößen nie Recht bekommt. Die Schriftlosigkeit der gegen ihn ergriffenen Maßnahmen verhindert bereits formell eine Abwehr. Gelingt eine Dokumentation anderweitig, stoppt das ortsansässige Tribunal gleicher Gesinnung die materiellen Bemühungen, Recht wiederherzustellen.

Nur kurz ein paar Pille-Palle-Beispiele ohne anstaltlich begangener Straftaten (um die eh schon verärgerte Zensur nicht zu überstrapazieren): Die Zulassung eines Disc-Mans (die Älteren werden sich daran erinnern) wurde abgelehnt, da sein Laser geeignet sein könnte, Gitterstäbe zu zerstören. CDs könnten in zerbrochenem Zustand als Waffe verwendet werden. Den Ablehnungsgrund für Handventilatoren oder elektrische Zahnbürsten kann sich der aufmerksame Leser selber herleiten. Ein zunächst genehmigter Sprachkurs wird zurückgehalten, bis der Antragsteller seine Volksgenossenschaft zum angestrebten Sprachkreis nachweisen kann.

Zum närrisch werden? – Diese „Argumentationen“ bestehen problemlos die Prüfung der örtlichen Strafvollstreckungskammer. Die Liste solcher Beispiele ist endlos. Weitere wären weniger harmlos. Tatsächlich kann ich mich an keinen meiner Anträge erinnern, der rechtmäßig zurückgewiesen worden wäre. Ein Lottoschein hat dagegen eine Gewinngarantie.

Die Voraussetzungen für das grundgesetzlich garantierte Widerstandsrecht, evidente Rechtswidrigkeit der staatlichen Maßnahme und die Erfolglosigkeit, dies gerichtlich feststellen zu lassen, wären natürlich gegeben. Aber wer stellt dies tatsächliche Vorliegen hoheitlich fest? Richtig, ein staatliches Gericht. Der Terror beißt sich in den Schwanz.

Was bleibt, ist die Resignation des Gefangenen, sein Absinken zu menschlichem Urschleim. Er zieht sich zurück, da ihm seine aktive Teilnahme nur geschadet hat (Ausnahme: Das Informationswesen). Die Isolation betrachtet er als einzige Möglichkeit, von Angriffen verschont zu bleiben. Damit ist ein Angriff auf seine Psyche abgeschlossen.

 

21.12.2015 (32)

Gnadenakt: Zwei Rekorde!

Der christlich sozialisierte Justizminister auf die Frage, wie er es mit der Weihnachtsamnestie hielte: „In Bayern ist die Amnestie unabhängig von der Jahreszeit.“ Das ist genauso wahr wie sie unabhängig von realer Existenz ist.

Für jeden Verwaltungsakt bayerischer Behörden gibt es nach Art und Umfang amtlich festgestellte Formvordrucke und Aktendeckel, die in der JVA Straubing hergestellt werden. Der Aktendeckel für den Gnadenakt hält zwei Rekorde. Er ist der am längsten unveränderte (40 Jahre) und der am wenigsten bestellte (gar nicht).

Um in den Genuss einer Weihnachtsamnestie zu kommen, muss sich der bayerische Häftling also nach Saudi-Arabien verlegen lassen. Frohes Fest!

 

19.-20.12.2015 (31)

Das einzige Fenster zur Welt

Wie Treibgut Strömung und Gezeiten ausgesetzt ist, unfähig die eigene Richtung zu bestimmen, so werden die Gedanken des Häftlings durch das Gefängnis vorgezeichnet. Stromschnellen und Strudel sind bekannt, doch von einer Flüchtigkeit, in der kein Ruder greift. Geraten Gedanken in Zeiten der Verzweiflung dann noch unter die Wasserlinie, erkennt man das Lähmende des gerade noch ungreifbaren Elements. Je länger man sich in der Tauchphase befindet, desto unbändiger dringt die Umgebung in einen hinein und löst die Individualität dergestalt auf, dss man nicht mehr zu treiben meint, sondern mit der Umgebung mit fließt, Teil von ihr geworden ist, jeglicher Reaktionsfähigkeit beraubt. Gedanken sind Reflexe geworden.

Nur selten reißt der Wasserfilm und ein Gedankenreflex wächst sich aus zu einer Vorstellung. Der Auslöser dieses Filmrisses kann so banal sein, wie es überflüssig ist ihn zu suchen. Vielleicht ist es nur eine Nuancenverschiebung in der immer gleichen Geruchsmelange des Gefängnisses, die einen Gedanken verselbständigt. Nach konventioneller Zeitmessung mag eine Greenwich-Sekunde vergangen sein. Die Gemütsveränderung nach diesem Einbruch lässt jedoch vermuten, dass ein ganzer Ozean verschluckt wurde. Es sind nicht die detaillierten Bilder und Gedanken, welche die Besonderheit dieses Erlebnisses ausmachen. Sie gehören zum Repertoire eines Häftlings, dem als einziges Fenster zur Welt sein Gedächtnis und seine Vorstellungskraft verblieben sind. Es sind nicht die museal-abstrakt aufeinander folgenden Rahmen, sondern das von ihnen ausgelöste Gefühl, welches noch vorherrscht, wenn die Fluten sich das ihre längst wieder geholt haben. Während eines Augenblicks breitet sich der gesamte Fächer sinnlicher Erfahrung aus. Man muss sich nur reinsetzen und schon befindet man sich auf dem Logenplatz seiner Vorstellungskraft. Ist die Präsentation auch nur eine Unterwasserluftblase, so doch von einer die Realität übertreffenden Intensität. Zerplatzt sie, wurde man gerade Zeuge seiner eigenen Revue. Dann beginnt die nächste Erdensekunde.

Un conte de fées? Tee ist die einzig beteiligte grüne Fee.

 

17.12.2015 (30)

De mortuis nil nisi bene

Als verstorbener Duckmäuser der dritten staatsdienstlichen Reihe hat man beste Aussichten, auch über sein physisches Ende hinaus von seinem irdischen Arbeitgeber geehrt zu werden. Verstand man Verantwortung allerdings nicht nur als Verpackungsmaterial für Inhaltsleere, stehen die Chancen schlecht, auch nur eine mickrige Todesanzeige als letzten kleinen Dank zu erhalten.

Kaiser Karl V. unterband noch Schmähungen gegen seinen gefährlichsten Widersacher Luther mit dem Hinweis, er führe Krieg gegen die Lebenden, nicht die Toten.

Dagegen schmäht der heutige postdemokratische Souverän seine eigenen, immer weniger werdenden Exponenten, die zu Lebzeiten Haltung bewiesen, mit Nichtbeachtung. Was er dabei vergisst: Jeder Nekrolog sagt mehr über den Verfasser, als über den Verstorbenen.

 

16.12.2015 (29)

Sinnsuche

Hubsi stand am Geländer des Zellentraktes und stierte vor sich hin. Wie gestern. Und vorgestern. Und die Tage davor. Nur sein Leichenbittergeschau war über das gewohnte Zuchthausmaß hinaus von weitem bereits erkennbar.

‚Hubsi, was ist los, was greinst’n den Tag schon wieder an?‘ Lag es nur an meiner Frage, oder erkannte ich wirklich eine Träne in seinen Augen? ‚Ja weißt‘, wo der D letzte Woche gestorben ist und der P am Freitag entlassen wird, hab‘ ich gar keine Ansprache mehr.‘

Nun sollte man wissen, dass nicht das Leben in seiner Erbarmungs- und Sinnlosigkeit zugeschlagen hat, sondern durchaus in einer wünschenswerten Spur blieb. D hatte nach über vierzig Jahren Knast die Freiheit verlernt und war nicht mehr erpicht auf Klingelingeling, Bunti-Bunti, Klicki-Klicki oder Vorratsdatenspeicherung. Im Gefängnis war er ein großer Mann. Er starb als großer Mann. Und wenn jemand entlassen wird in das Leben der dann ehemals andern, ist das in diesem Fall auch ein fröhliches Ereignis.

‚Ich sehe keinen Sinn mehr in diesem ewigen Trott. Vielleicht mach ich mich halt weg, die lassen mich doch genauso wenig nochmal raus wie den D.‘

Suizid ist ein Dauerthema im Gefängnis, obwohl es selten so deutlich ausgesprochen wird. Die aufs rein Technische reduzierte Formulierung ist ein Versuch, die tiefe Dunkelheit, in der sich solche Gedanken drehen. nicht auch noch mit gefühlsgeladenen Umschreibungen auszuleuchten. Es ist keine Gefühllosigkeit oder Kälte, die Hubsi so reden lassen, sondern die Empörung darüber, dass er wahrscheinlich Recht hat. Geplant ist eine Entlassung bei uns Lebenslänglichen allen nicht. Wer etwas anderes behauptet, weiß zumindest nicht, wovon er spricht.

Gehört man nicht zu denen, die sich mit stumpfsinniger Arbeit betäuben und danach vom Fernseher sedieren lassen können, ist man gezwungen einen Sinn zu suchen, der über dem täglichen Leiden und Sterben steht. ‚Hubsi, horch, der Punkt kann doch nicht sein, dass wir die Sinnfrage daran knüpfen, ob wir die Haft überleben oder nicht. Denn wenn nicht, dann hätte doch alles keinen Sinn gehabt. Vielleicht sollten wir uns fragen, ob das Leiden und Sterben selbst, von dem unser tägliches Leben umgeben ist, einen Sinn hat. Wenn es nämlich nur darum geht zu überleben, kannst Du uns auch durch einen Hund ersetzen. Solch ein Leben, das nur von den Launen eines bürokratischen Apparatschiks oder vom Zufall abhängt, wäre doch gar nicht wert gelebt zu werden.‘

Manchmal widere ich mich an – wenn ich jemandem in einer existentiellen Krise etwas erzähle, woran ich selbst nicht glaube, Floskeln als Trost verkaufe.

Ich wagte einen Blick seitwärts. Der Glanz in seinen Augen war getrocknet und er lächelte mich an. Hubsi ist ein spiritueller Mensch. Ich lächelte zurück. Als absurder Mensch.

(Hubsi heißt zwar anders, weiß aber, dass es um ihn geht, da er das Pseudonym selbst ausgesucht hat. Siehst Du Hubsi, jetzt bist Du auch inkognito im Internet.)

 

15.12.2015 (28)

Sauberkeit

Über den hell gefliesten Boden eines Straubinger Duschraums hätten sich die Männer in Dostojewskis Totenhausaufzeichnungen gefreut. Wenn man über Stimmungen, Verhältnisse und die psychische Ausnahmesituation im Gefängnis in einem realistisch gezeichneten Bild lesen möchte, tut man es hier. Es ist erschreckend, wie über die verschiedenen politischen Systeme und Jahrhunderte hinweg das Gefängnis sich treu geblieben ist. Veränderungen betrafen die Perfidisierung allgemeiner Repression, Humanisierung fand in aller Regel in Gesetzbüchern statt.

Eine Ausnahme ist ein weiteres Straubinger Highlight. Der Gefangene hat, sofern sein Haftraum nicht verschlossen ist, täglich die Möglichkeit, in einem Duschraum mit warmen Wasser zu duschen. Pro Quartal erhält er zudem von der Anstalt ein Stück Seife, so dass niemand sein Vor-sich-hinstinken rechtfertigen kann.

Ich habe bisher noch von niemandem gehört, der sich wegen der Duschen in die JVA Straubing hätte verlegen lassen. Nichtsdestotrotz betrachtet man hiesige Hygiene oft ungläubig als sanitäre Extravaganz. Im bayerischen Strafvollzug sind zwei wöchentliche Duschmöglichkeiten keine Seltenheit.

Im Vergleich zum Totenhaus paradiesische Zustände. Im Vergleich zu Straubing tiefstes Mittelalter.

 

14.12.2015 (27)

Annihilation I

Kehrt ein Straubinger Häftling von einem ärztlichen Eingriff aus einem Krankenhaus für Menschen hinter angestammte Mauern zurück, ist meistens Medizingeschichte geschrieben worden.

Glaubt man dem behandelnden Arzt des Krankenhauses für Menschen, hätte es der vierzigjährige, vor seiner Inhaftierung kerngesunde Patient, nach Art und Ausmaß seiner Herzinfarkte gar nicht auf den OP-Tisch schaffen dürfen. Da er als zacher Hund aber auch die Operation überlebte und jetzt mehr Fremdkörper in der Brust verpflanzt hat als ein Terminator, ist er Thema medizinischer Fachliteratur.

Gerade noch schwerbehindert, war er bereits in die Arbeit eingeteilt, bevor er seine Zuchthauszelle erreicht hatte.

 

12. – 13.12.2015 (26)

Schwert und Schild 2

Was geschehen kann, wenn sich ein Terrorist vor Gericht keiner geheimdienstlich diktierten Dramaturgie beugt, hörte man 1972 vor einer italienischen Staatsschutzkammer.

‚Man musste Zivilisten angreifen, Männer, Frauen, Kinder, unschuldige Menschen, unbekannte Menschen, die weit weg vom politischen Spiel waren. (…) Der Grund dafür war einfach. Die Anschläge sollten das italienische Volk dazu bringen, den Staat um größere Sicherheit zu bitten. Diese politische Logik liegt all‘ den Massakern und Terroranschlägen zu Grunde, welche ohne richterliches Urteil bleiben, weil der Staat sich ja nicht selbst verurteilen kann.‘

Im Wissen, dass ihm seine Aussage schaden würde, sprach sie das Gladio-Mitglied Vincenzo Vincigerra dennoch aus. Er hatte Glück, nicht auf einen kleinen Vorsitzenden aus der Provinz zu treffen, der seine ihn in die Großstadt begleitenden Minderwertigkeitskomplexe eines vermeintlich zu kurz gekommenen Gemüts, mit unkontrolliertem Bestrafungsfuror zu kompensieren pflegt. Er traf in Richter Felice Casson auf einen Mann, der nicht nur diesen Peteano-Anschlag 1972 aufklärte, sondern Giulio Andreotti öffentlich zwang, die Existenz von Gladio und ‚die Strategie der Spannung‘ zuzugeben. Das ging nur, weil Vincigerra keine Angst hatte.

Das einzig Entscheidende, was sich seitdem geändert hat, ist, dass es staatlicherseits keinen tatsächlichen Aufklärungswillen mehr gibt. Erfolgreicher als je zuvor wird jedoch eine diffuse Stimmung der Angst produziert, die lähmt und tötet. Zuerst die Kreativität, dann die Freude, dann die Liebe. Allein die paralytisch tumbe Fähigkeit zu produzieren und zu konsumieren überlebt. Was bleibt, erniedrigt, nichts davon erhebt.

Etwas Erhebendes liegt aber darin, alles verloren zu haben. Die Angst geht auch verloren und man wird frei zu sagen, was ist. Wie soll man auch jemandem drohen, für den der Tod eine Erlösung ist. Nur diejenigen, die an ihrer jämmerlichen physischen Existenz hängen und sich von bürokratischen Metastasen peinigen lassen, werden diese Freiheit nie erfahren, obwohl sie die gleichen Wände einer Gefängniszelle anstarren. Derselbe Ausblick ins Weiß endet an völlig verschiedenen Horizonten.

Ich habe es leicht und rufe so locker und flockig: Lasst Euch nicht vereinnahmen! Weigert Euch, Angst zu haben!

 

10.12.2015 (25)

Schwert und Schild

Was ist ein Staat wert, in dem –  zumindest von dessen Repräsentanten toleriert – gemordet werden kann, ohne dass der Täter, dafür aber jeder andere mit einer Verurteilung rechnen muss?

Was lohnt die Treue zu diesem Umwerter der Werte, der ausgewähltes Personal vorhält, um diese Praxis als Verteidigung gegen eine vorgebliche Bedrohung im Namen einer Staatsraison als sogar moralisch geboten zu zelebrieren?

Was ist diese Staatsraison wiederum anderes als der Kodex einer beliebigen Verbrecherbande, wenn in ihrem Namen jegliches Unrecht zu Recht wird?

Wenn kleine Vorsitzende und ihre Klone beidseitig des Richtertischs erbärmliche Farcen zum Besten geben und dies von ihren Barden apotheotisch zu heilsbringenden Musengesängen der Justizia verklärt wird, ist das Gefängnis nur der folgerichtige Ort für jemanden, der diesen staatlichen Terror nicht als Glückseligkeit anerkennen will.

 

09.12.2015 (24)

Schlaf

Es gibt keine Alpträume im Schlaf. All die Bilder, Muster und das Raunen, jegliches Pulsieren aus dem Off, das stets unscharf bleibende Wähnen, die einen Traum zum Alp werden lassen, sind vertraut geworden.

Auch hier irrte der Mordkommissar, als er prophezeite, mich bis in meine Träume zu verfolgen.

 

08.12.2015 (23)

Annullationsprinzip II/4

Erst wenn der Name des Gefangenen in den Ohren seines ehemaligen Umfelds wie ein fremdes Rauschen jegliche Vertrautheit verloren hat und sich sein Gesicht höchstens noch als Silhouette behaupten kann, ist eine Mission des Straubinger Strafvollzugs erfüllt: Erinnerung gelöscht.

Neben der gezielten Unterschlagung der Häftlingspost und der Zulassung von Telefonaten in homöopathischen Dosen (Annullationsprinzip II/2+3) ist die dritte wirksame Entfremdungsmethode die systematische Sabotage des Besuchs. Zugegeben schwelgt der Straubinger Häftling mit fünf monatlichen Besuchsstunden für bayerische Verhältnisse im Luxus. Allerdings erhält nur ein Bruchteil der Gefangenen überhaupt (noch) Besuch. Die anderen erhalten unbegrenzte Besuchszeit mit einem anstaltlicherseits vermittelten „Betreuer“. Hat man also noch sozialen Kontakt, wird dieser beschränkt. Ist jeglicher Kontakt abgebrochen, darf man sich von Fremden unbegrenzt besuchen lassen. Pervers?

Drei konkrete Fälle aus jüngster Zeit stehen hier beispielhaft für eine täglich stattfindende Praxis.

Einer über siebzigjährigen Mutter wurde bedeutet, sich bis auf die Unterwäsche entkleiden zu müssen, um ihren Sohn sehen zu können. Dieser hatte sich während seiner Haftzeit weder etwas zuschulden kommen lassen, noch einen „Drogeneintrag“, der den theoretischen Grund für diese Maßnahme hätte liefern können. Angeblich löste eine Schnalle im BH der älteren Dame den Metalldetektor aus. Solche metallenen Schnallen wurden von den Kontrolleuren auch schon in Sport-BHs vermutet. Die Mutter leistete Folge. Derselbe Vorgang wiederholte sich bei den nächsten zwei Besuchen. Danach gab’s Briefkontakt. Einer weiteren Demütigung konnte sie sich nicht mehr aussetzen.

Eine Ehefrau erschien zum vereinbarten Besuchstermin und nahm im Warteraum Platz. Die Zeit verstrich, die Besuchsgesellschaften wechselten. Auf mehrmalige Nachfrage wurde ihr geantwortet, man wisse nicht, wo ihr Mann sei, wahrscheinlich habe er „keine Lust, da er bereits mehrfach ausgerufen“ worden sei. Die Ehefrau wartete das Ende der Besuchszeit ab. Dann fuhr sie nach Hause. In der Zwischenzeit zermarterte sich in fünfzig Meter Luftlinienentfernung ein Ehemann seit Stunden den Kopf, was seiner Frau zugestoßen sein könnte. Sie hatte noch nie einen Besuch versäumt. Selbstverständlich hielt der Ehemann den Zentralbeamten nicht, wie ihm vorgeworfen wurde, für „vollkommen bescheuert“, doch wollte er noch ein letztes Mal nachfragen, ob seine Frau nicht vielleicht doch mittlerweile angekommen sei.

„Herr X will Sie nicht sehen, jetzt nicht und gar nicht.“ Der Rechtsanwalt staunte nicht schlecht, doch kannte er seinen Mandanten auch als schwierigen Charakter. Vielleicht wunderte er sich noch über den schlechten Stil, die Aussage des Vollzugsbeamten jedenfalls war eindeutig. Brieflich versuchte der Rechtsanwalt noch die Motive seines Mandanten zu erfragen und sich dann anständig zu verabschieden. Von Herrn X jedoch hörte er nicht mehr. Nach obigen Erfahrungen, interessiert hier abschließend aus Sicht des Herrn X nur noch die offizielle Begründung für das Fernbleiben seines Verteidigers. „Der Herr RA hatte einen schweren Unfall und liegt im Koma.“ Auf seine Briefe erhielt Herr X dann tatsächlich keine Antwort mehr von seinem ehemaligen Verteidiger.

(Fortsetzung folgt.)

 

07.12.2015 (22)

Selbst angebautes Gemüse

Ein Radi, ein Kilo Karotten, ein Kilo Grünkohl – bitte leserlich schreiben und den Antrag keinesfalls falten!

Ein Highlight der JVA Straubing ist der Verkauf selbst angebauten Gemüses, und so schaut meine aktuelle Bestellung aus.

Den Grünkohl hätten wir, Pinkel wird noch organisiert, nur beim Schnaps sehe ich schwarz!

 

05. – 06.12.2015 (21)

Die Gaudi ist vorbei

Sind die Schleusen, Gitter und Stahltüren einmal in der staatlichen Abdeckerei zu Straubing zugefallen und Nato-Draht bewehrte Mauern versperren die Sicht, ist die Gaudi erst mal vorbei.

Nun gibt es drei Möglichkeiten, mit der Lage umzugehen. Der leichteste Weg wird von den meisten gewählt und bedeutet ‚Kooperation‘. Nur kurz zur Erläuterung: Damit ist nicht die Arbeit an sich selbst im Rahmen von an sich sinnvollen und notwendigen Resozialisierungsmaßnahmen gemeint. Die gibt es nur auf dem Papier. Kooperation bedeutet in diesem rechtsfreien Raum das Anbiedern ans System unter Hingabe aller Werte und Hoffnungen bis zur Selbstaufgabe. Hat man sich einmal erniedrigt, tut es nicht mehr so weh und der jeweilige Gefangene arrangiert sich mit denjenigen, die täglich seine Rechte mit Füßen treten. So findet die Demütigung nicht unmittelbar durch das System selbst, sondern immer durch den einverständlichen Einzelnen statt. Glücklicherweise sieht Frau nicht, wie weibisch sich ihre Y-Chromosom-Träger hier aufführen.

Ein allgemeines Problem im Zuchthaus ist, dass man fast nichts glauben kann, was gesprochen wird. Grün lügt, Blau phantasiert. Tatverarbeitung und in ihrem Rahmen Verdrängung oder Beschönigung eigener Unzulänglichkeit ist hier jedoch nicht gemeint, sondern der zweite Weg, der ein wenig Phantasie voraussetzt. Der Häftling erschafft sich sein eigenes Königreich Mythomani, in dem er herrscht. Profane Regeln des Alltags tangieren ihn nicht mehr, Anweisungen, denen er rein äußerlich Folge leistet, erreichen seinen Kern nicht, da sie von einem fremden Reiche sind. Diese kleinen Könige sind von allen Gefangenen wohl die ausgeglichensten, doch befinden sie sich auf ihrer Flucht in den Wahnsinn auf einer Einbahnstraße.

Der dritte Weg ist der des Widerstands. Nicht ein physisches Aufbegehren ist gemeint – dies würde dankbare Reaktionen auslösen –, sondern der Rückzug auf Werte und ihre Verteidigung, wie sie unsere Eltern vermittelten, unsere Lehrer uns beibrachten, unsere Philosophen aufzeigten und unsere Gesetze vorgaben. Betrachtet man nur einen als unveräußerlich, ist der Konflikt mit dem Apparat gewiss.

Prinzipien, deren Legitimität man zudem begründen kann, wären nichts als Opportunismen, verabschiedete man sich von ihnen beim ersten Gegenwind. Problematisch ist natürlich, dass es nie beim ersten Gegenwind bleibt. Die Daumenschrauben werden bis ins Unendliche angezogen. Es ist ja niemand da, der STOPP sagen würde. Obwohl dieser Weg der schwierigste ist, bleibt man nur auf ihm Mensch.

Und wenn man mir ein Schild umgehängt hat mit der Aufschrift: „Ich werde mich nie wieder bei der Justiz beschweren“, so trage ich es mit Stolz und werde das Maul nicht halten. Ihr macht mich nicht zum Tier.

 

03.12.2015 (21)

Ein guter Tag

Post aus Nürnberg: Wie erwartet, hat das OLG Nürnberg eine Beschwerde ohne ein Wort sachlicher Begründung mit einer Floskel zurückgewiesen. An sich nicht außergewöhnlich erwähnenswert.

Ein allgemeines Muster wird daran aber deutlich. Mit zunehmender Evidenz des gerügten Rechtsbruchs verkürzt sich die gerichtliche Ablehnungsbegründung. Was ursprünglich mit Blick auf die Prozessökonomie ermöglicht wurde, nämlich der kurze Prozess mit Schmarrn, ist mittlerweile die Regel bei lückenlosen Vorträgen, denen man argumentativ nicht Herr wird, die aber aus (wohl) rechtspolitischen Erwägungen trotzdem zurückgewiesen werden müssen.

Vorliegend ging es um die, aus meiner Sicht, unzweifelhaft rechtswidrige Praxis der Leibesvisitation in der JVA Straubing (für Interessierte: Art. 91 BayStVollzG und u.a. der Beschluss des 2. Senats des Bundesverfassungsgerichts, AZ. 2815/2013 zu den Voraussetzungen rechtmäßiger Handhabung).

So muss jeder hiesige Häftling auf dem Weg zum und vom Besuch durch einen Metalldetektor, ähnlich denen an Flughäfen. Mit einem auf den ersten Blick willkürlichen Fingerzeig werden davor Leibesvisitationen (sog. ‚Straubing-Strips‘) angeordnet, d.h. Knacki macht sich vor zwei Offiziellen nackig und darf sich Körperöffnungen begutachten lassen. Fragen nach Auswahlkriterien für diese Prozedere werden zunächst nicht beantwortet, dann wahlweise mit dem Zufallsgenerator oder einem Abzählreim begründet. Auch auf dem zweiten Blick bleibt das Verfahren willkürlich, da damit diametral entgegen den Vorgaben des BVerfGs gehandelt wird, die eine konkrete, personen- und verdachtsbezogene Verfügung des Anstaltsleiters verlangen.

Da es diese eben nicht gibt, werden auf unteren Ebenen wie JVA und AG Begründungen an der Realität vorbei konstruiert, auf OLG-Ebene folgt dann das Deckeln und große Schweigen. Die konsequente Anwendung von Recht zöge ja das Verbot der in der JVA Straubing praktizierten Fleischbeschau nach sich.

Immerhin entschied das OLG bereits am selben Tag, als es meine Beschwerde frühestens erhalten hatte, so dass man jetzt sehen wird, was das BVerfG zur bayerischen Praxis, ihre Beschlüsse zu ignorieren, sagen wird.

Paket von Osram: Zwei neue Birnen für meine Lampe.

Probe im Trio: Eigentlich wollten wir nur kurz ein paar Songs akustisch ausprobieren. Pactor und Wochenend sind jedoch so talentiert an ihren Gitarren, dass sie selbst mich erbärmlichen Klarinettisten erträglich klingen lassen. Geendet hat das in einem Dixie-Exzess. Schlecht für Georgia. Gut für uns.

Es war ein guter Tag.

 

02.12.2015 (20)

Von größter Bedeutung: Ehrenamtliche

Sie werden gering geschätzt, verachtet, bestenfalls belächelt, sollten sie überhaupt ernst genommen werden. Dabei sind sie für den einzelnen Häftling wie auch für die Gesellschaft, in die hinein entlassen werden soll, von größter Bedeutung: Ehrenamtliche.

Sie opfern einen großen Teil ihrer Freizeit, um anderen, Fremden, fremden Straftätern unentgeltlich zu helfen. Sicher gibt es auch die Hilfe als Selbsttherapie, die Unentgeltlichkeit jedoch ist ein deutlicher Hinweis auf die Ernsthaftigkeit, da Überzeugung antreibt und nicht die Notwendigkeit, den Kühlschrank voll zu packen.

Wenn sich beispielsweise ein Fachmann bereit erklärt, mit Gefangenen jährlich ein Theaterstück auf die Bühne zu bringen, geht es nicht um Welttheater. Es geht um menschliche Behandlung. Um das Vermitteln von Werten und Zielen oder um ihre Pflege. Um das Angeschautwerden aus einem unverkrampften Gesicht, das nicht mit dem Hintergedanken an einen abstrusen Akteneintrag vor einem steht. Energische, doch elegante Anweisungen, bis hin zu einer eventuellen Konfliktsituation stets mit einem Augenzwinkern vorgetragen, schaffen Respekt.

Nichts als leeres Geschwätz und blanker Hohn dagegen ist das offizielle Mantra hierzu.

 

01.12.2015 (19)

Annullationsprinzip II/3

In Zeiten, in denen sich das öffentliche Wissen um Zustände bei Kripo und Justiz aus staatlich alimentierten Werbefilmchen wie ‚Tatort‘ etc. speist, sind Fehlvorstellungen der Bevölkerung nicht nur ein Nebenprodukt.

Dass eine Gefangenenkapelle in der JVA München Stadelheim unter dem Dirigat eines Polizisten heiter-fröhliche Liedchen in der anstaltseigenen Turnhalle anstimmte, ist völlig illusorisch. Die einzige Möglichkeit dort Musik zu machen, ist, die Lippen zu schürzen und durchzublasen, während man sich auf die Knie klopft. Ausnahme: Begleitung der wöchentlichen Messe unter kirchlichem Protektorat für eine erlesene Auswahl im niedrigen einstelligen Bereich. Über die Existenz einer Stadelheimer Turnhalle habe ich in dreieinhalb Jahren dortigen Aufenthalts über Gerüchte hinausgehende Informationen nicht einholen können. In diesem Punkt sind die Möglichkeiten in der JVA Straubing nachgerade unbegrenzt.

Ohne Unterschied findet Telefonieren im bayerischen Strafvollzug so gut wie nicht statt. Gern gezeigte Bilder von Knackis, die mal eben zum Hörer ihres Gangtelefons greifen, um ein spontanes Gespräch mit einem noch zu verknastenden Strolch zu führen, sind bestenfalls romantische Vorstellungen.

Mit Glück erhält man zweimonatlich die Gelegenheit, streng be- und überwacht, zehn Minuten eine vorher beantragte Nummer – vorzugsweise Verwandtschaft – anzurufen.

Ein Glückspilz, der in den Genuss dieser Regelung kam, war ein Südamerikaner, der in gut zehn Jahren bayerischer Haft nicht einen einzigen Besuch von seiner Familie erhielt. Frau und Kinder hielten zwar die ganze Zeit zu ihm, doch gestaltete sich das Kontinentenhopping schwierig. Obwohl es sich nicht um subventionierte Telefonate handelte, und der Mann gern die überhöht in Rechnung gestellten Tarife gezahlt hätte, intonierte er regelmäßig nach seinem letzten genehmigten sechsten jährlichen Gespräch mit seiner Familie Ervin Drake: „It was a very good year.“

In einer Dekade sprach er zehn Stunden telefonisch mit Frau und Kind. Vor kurzem erhielt ich einen Brief aus Übersee. Es sind noch alle da. Respekt! Eine Ausnahme.

 

30.11.2015 (18)

Das Böse ist immer und überall

Sehr geehrte Frau Regierungsrätin Hofer,

vielen Dank für das sorgsame Anhalten zweier Briefe an meinen Bruder vom 24. und 26.11.2015. Wie Sie in den jeweils mündlich vorgetragen Anhalteverfügungen richtig beschreiben, waren beide Briefe grundsätzlich geeignet, die Anstaltssicherheit zu gefährden, da sie nicht in deutscher Sprache geschrieben waren.

Natürlich darf man sich in Zeiten des Terrors nicht auf das Gesetz versteifen und Strafhäftlings Post in fremder Zunge lediglich kopieren, übersetzen und zu den Akten nehmen. Sicher ist sicher. Was die Anstalt gar nicht verlässt, kann gar nie einen Schaden verursachen.

Gott sei Dank haben meine fremdsprachigen Briefe in den letzten zehn Jahren keinen Schaden angerichtet; gar nicht auszudenken, was hätte passieren können. Es ist durchaus richtig, im Interesse der Sicherheitsbedürfnisses der Gesellschaft, bereits auf einfacher gesetzlicher Ebene fünf Tatbestandsmerkmale mal grade sein zu lassen. Ihr von uns allen geschätzter Lehrmeister, Herr Regierungsdirektor Retzbach, würde als liberaler Leuchtturm im stürmischen bayerischen Strafvollzug noch gesagt haben: ‚Wenn ich als Regierungsdirektor ein Gesetz verkürze, dann doch wohl ein Grundgesetz‘.

Ich sehe das jedoch wie Sie – man kann nicht früh genug korrigierend eingreifen. Wie auch der Anstaltsleiter der JVA Berlin-Tegel richtig an die zuständige Strafvollstreckungskammer des AG Berlin in einer E-Mail schrieb: „KM…es versteht sich ja von selbst, dass wir den Beschluss (x) nicht umsetzen werden…“

In schwierigen Zeiten ist es süß, solch‘ ehrenvolles Personal in Sorge um die Heimat zu wissen. Und es ist nur richtig im Sinne kreativen Handelns, dass keiner für nichts die Verantwortung trägt.

Hochachtungsvoll,

GB Nr. 35 1 245/2009 (vormals Benedikt Toth)

P.S.: Da für deutschsprachige Briefe keine Anhalteverfügungen vorliegen, konnte ich mich für deren Sicherstellung nicht bedanken.

 

28. – 29.11.2015 (17)

Null.

Anzahl der staatlicherseits an mich gerichteten Fragen, ob ich meine Tante getötet hätte: Null.

 

26.11.2015 (16)

Im nunmehr knapp zehn Jahre währenden Nirgendwo….

Wenn das Bundesverfassungsgericht meine letzte Verfassungsbeschwerde mit einem Satz verworfen und damit in Stein gemeißelt haben wird, dass ich lebend das Gefängnis nicht mehr verlassen werde, habe ich vielleicht wieder festen Boden unter den Füßen.

Im nunmehr knapp zehn Jahre währenden Nirgendwo bin ich zu einem ausdauernd analytischen Gedankengang nicht mehr in der Lage – sprunghaft wechseln sich die Gedankensplitter wie in einem assoziativen Mosaik ohne innere Ordnung ab; ein längeres Fokussieren scheint Wunschtraum zu sein.

Zwar packe ich Reflexionen über die Fragwürdigkeit der Grass’schen Nobelpreises, die Dominanz von Gelb in der Gummistiefelproduktion, die verschiedene Anschlagstiefe mechanischer Schreibmaschinen aus DDR-Produktion (den Einsatz solch‘ einer “Erika“ aus VEB-Produktion, die gerade vor mir steht – und eigentlich anders heißt – kommentierte ein Freund unlängst mit dem Hinweis, dass das produzierende Land längst untergegangen sei, Erika aber weiter auf der Seite der Unterdrückten kämpfe; auch deshalb liebe ich sie), die Gefahr eines Segeltörns durch die Bass-Strait für Anfänger mit dem Sozialverhalten mitteleuropäischer Kakerlaken in einem Zeitraum von fünf Sekunden. Aber ist das erstrebenswert? Eine Geburt tanzender Sterne aus diesem Chaos kündigt sich jedenfalls noch nicht an.

Wenn ich meine Scheinwerfer auf gewissem Grund platzieren kann, werde ich das Gesamtbild besser erkennen und kommentieren können. Bis dahin gibt es halt nur ungeordnet Unverdautes.

Warum das Bundesverfassungsgericht übrigens, wie oben beschrieben, entscheiden sollte? Weil es das kann.

 

25.11.2015 (15)

Verlust prägt den Strafvollzug

Verlust prägt den Strafvollzug. Er steht am Anfang, begleitet und beendet ihn.

Oft ist ein anderen Menschen zugefügter Verlust ursächlich für den Haftantritt, der, zumindest in einem Zuchthaus für so genannte ‚Langstrafler‘ als Haftaustritt oft genug mit dem Verlust der physischen Existenz endet. Das Leben würde schon weiter früher aufgehört haben.

Aus dem Ozean an Kriterien, die ein selbstbestimmt aufgeklärtes, menschliches Leben ausmachen, sei nur der Verlust eines einzigen erwähnt: der Verlust besonderer Menschen.

Jede menschliche Positionierung oder gar Bestimmung geschieht unter der, teils imaginierten, Reaktion des Gegenübers. Fehlt dieses, fehlt die Möglichkeit einer Selbstverortung. Um nicht gänzlich ankerlos abzutreiben, muss Ersatz her.

Dies ist innerhalb der totalen Institution eines Gefängnisses nahezu unmöglich. Da die Kundschaft, entgegen öffentlichen Beteuerungen und Gesetzestexten, bewusst und zielgerichtet in ein depressiv-resignatives Phlegma geführt wird, ist die Gruppe besonderer Menschen, die dieses Programm überstehen, beklagenswert klein.

Kaum gibt es die mit Charisma, die einen anderen Geist atmen, in der Lage, durch ihr Ich eine andere, höhere Realität zu schaffen, deren Anwesenheit ihr Umfeld erhöht, zum Lächeln bringt, an denen man sich reiben, und an denen man wachsen kann, mit Talent für irgendwas, dem Willen zur Veränderung – besonders ihrer selbst, dem Gespür für das Schöne und die Fähigkeit noch darüber zu staunen.

Ich sehe mich, im Vergleich zum Großteil meiner Mitgefangenen, in einer Luxussituation. Regelmäßig erhalte ich bis heute Besuch von meiner Familie, meinen Freunden und Verteidigern – allesamt im obigen Sinne besonders.

Viele um mich herum wären bereits um einen andern froh. Besonders müsste der gar nicht sein, nur da.

 

24.11.2015 (14)

Das Gegenteil privater Unternehmen

Die Polizei- und Justizapparate ähneln sich für die Kundschaft in einem entscheidenden Punkt. Ihre jeweils wenigen aufrichtigen Mitglieder sind an der Dienstkleidung erkennbar; bei den Zivilisten sind mir dagegen deutschlandweit nur zwei Aktive mit Schneid bekannt (Anmerkung: Roben gelten hier nicht als Dienstkleidung und die zwei werden natürlich nicht genannt).

So sind diese Vereinigungen das Gegenteil privater Unternehmen. In diesen: Je mehr Häuptling, desto freigeistiger. In jenen: Je mehr Häuptling, desto bornierter.

 

23.11.2015 (13)

Vollzugsziel erreicht

Die beste Möglichkeit, in einer vom Humanismus beseelten Strafgerichtsbarkeit, die nicht mehr prügeln darf und es deshalb auch nicht tut, einen Mann zu brechen, ist, seinen Willen zu nehmen.

Meistens stellt sich der Erfolg bereits ein, wenn dem Wollenden das Gegenteil des von ihm Gewollten als unveränderliche Tatsache vor die Nase gesetzt wird. So zwingt man nur denjenigen mit allen disziplinarischen Mitteln zur Arbeit, der sich einer Institutionalisierung verweigert. Andererseits kann jahrelang erfolglos um Arbeit gebettelt werden. Spricht sich ein Ausländer gegen Pläne seiner Abschiebung noch vor Verbüßung der Endstrafe aus, so wird er abgeschoben. Betreibt er diesen Vorgang hingegen mit gleicher (zutreffenden) Argumentation wie vormals die Behörde, kann er sich auf einen verlängerten Deutschlandaufenthalt einstellen. Die Trefferquote bei diesen Beispielen ist so schwindelerregend hoch, dass man einem Ratsuchenden konsequent- und aufrichtigerweise nur raten kann, das Gegenteil seines Ziels zu verfolgen.

Sollte diese Taktik, Willen zu zerstören, nicht verfangen, da der Proband das Spiel durchschaut und es eben wie ein Spiel betrachtet, in dem man niedergetreten wird, ohne dass der Schiri pfeift, und dann aufsteht, lässt man ihn völlig ins Leere laufen. Er wird in der Sache als nichtexistent betrachtet. Seine Beschwerden werden, wenn überhaupt, ohne die strittige Sache im Kern zu erwähnen, förmlich korrekt mit einem Satz zurückgewiesen. Eine Diskussion wird nicht geführt; notfalls, wenn ein persönlicher Kontakt nicht mehr zu vermeiden ist, wird gelogen. Nichtsdestotrotz wurde der guten Form halber die Möglichkeit einer Beschwerde aufs Papier geschrieben.

Ziel ist die äußere Isolation und innere Resignation des Betreffenden. Ersteres als erster Schritt, da die Gefangenschaft an sich, wenn es so etwas gibt, ein zwar zerklüfteter, heterogener Haufen ist, in ihrem Wesenskern doch opportunistisch dem einzeln Aufbegehrenden tief misstraut, sei es aus nicht eingestandenem Neid, sei es aus Furcht vor Veränderungen innerhalb ihres selbst gewählten Demütigungsprogramms, in dem sie immerhin noch zwei Tabak und einen Kaffee mehr im Schrank hat als ihr Nachbar. Wenigstens kann der Ungehorsame aus dieser Gefangenenschaft nicht ausgeschlossen werden, da er sich ihr nie zugehörig fühlte.

So darf er, von allen toleriert, auf Sparflamme weiter vegetieren. Seine Beschwerden gehen im Vollzugsäther auf, und er erlernt im Laufe der Jahre, seine Hilflosigkeit als inneren Widerstand zu verklären. Das schützt vielleicht vor Wahnsinn, nicht aber vor Zerbrechen.

Vollzugsziel erreicht.

 

21. – 22.11.15 (12)

Annullationsprinzip II/2

In einer totalen Institution wie dem (Straubinger) Gefängnis ist auch die Kontrolle der Kundschaft total.

So beschränkt sich die Postkontrolle und – zensur nicht,wie in anderen (Bundes-) Ländern, auf die rein physische Kontrolle, d.h. ein Brief wird hoheitlich geöffnet, mit der Öffnung hoheitlich talwärts gedreht, hoheitlich geschüttelt und beobachtet, ob er etwas Ungesetzliches oder mit der Anstaltsordnung Nichtkonformes enthält.

Neben der Zensurstelle, die sich hier ins jeweilige Stationsbüro verlagert hat, liest auch jeder Angestellte des sog. Therapeutischen Dienstes nach Lust und Können munter mit. Nach dieser Prozedur bekommt man die Briefe ausgehändigt – wenn man Glück hat. Glück vernimmt man in Straubing jedoch nurmehr als Raunen eines verschwimmenden Mythos´ ferner Vorzeit, nunmehr verdeckt von einer sterilen Realität; so bekommt man manches eben nicht ausgehändigt.

Der Digitalisierung sei Dank, lässt sich mit Hilfe von Trackingnummern jedoch beweisen, wann nicht ausgehändigte Post in der Anstalt abgegeben wurde. Hierauf passiert dann genau nichts, dann die JVA als Staatspartikel sagt immer die Wahrheit (d.i. „es kam nichts“) und die Deutsche Post AG als Privater lügt aus Prinzip (d.i. „es kam was“).

Weiß der betroffene Adressat, wie es die Regel ist, jedoch nicht im Vorfeld von ankommender Post und erhält einen Spontanbrief, der dann unterschlagen wird, wird er von der „Nichtaushändigung“ nicht unterrichtet.

Erst wenn sich der Absender über einen anderen Kommunikationsweg über die fehlende Antwort beschwert, fällt die Unterschlagung auf. Darüber dann ein andermal…“

 

19.11.2015 (11)

Sind Sie Linkshänder?

Vor ein paar Tagen entglitt mir der Wasserkocher samt fertigem Inhalt auf den Unterarm. Nicht schlimm, aber für eine Wunde reicht’s. Nun sah der zuständige Stationsbeamte diese, erkundigte sich, wie das Malheur passiert sei und schloss: „Sind Sie Linkshänder?“

Es ist schon erstaunlich, zu welch‘ spontaner Erkenntnis man gelangt, lässt man das Gehirn eingeschaltet und ist auch sonst nicht bösen Willens.

Ein halbes Dutzend Richter waren hierzu nicht fähig.

 

18.11.2015 (10)

Annullationsprinzip II

Um den Häftling auch privatem Vergessen anheimfallen zu lassen, ist es anstaltliche Übung, die Kommunikation in die physische Freiheit zu sabotieren. Dies geschieht sowohl im Hinblick auf die Kommunikationsmittel als auch die jeweiligen Adressaten manchmal ad hoc, meistens strukturell geplant.

Ehemalige Mitarbeiter hiesigen Zuchthauses bestätigen, dass im Rahmen in sog. Vollzugsplankonferenzen gefragt werde: Mit wem hat Häftling X auf welche Art Kontakt? – und wollen wir das? Fehlt der Wille, was keine Seltenheit ist, wird gehandelt. Mit dem umfassenden Instrumentarium des Oppressionsapparats und der Zeit als Waffenbrüder wird so letztlich jeder Kontakt geknackt.

(Fortsetzung folgt).

 

17.11.2015 (9)

Anzahl der Todesopfer aller in der JVA Straubing wegen eines Tötungsdeliktes Einsitzenden

Anzahl der Todesopfer aller in der JVA Straubing wegen eines Tötungsdeliktes Einsitzenden – Anzahl der Todesopfer unter Kriegsflüchtlingen vor Europa pro Tag: Gleich.

 

16.11.2015 (8)

Die Besonderheit des Eingesperrtseins

Wie jeder Mensch Menschen in verschiedenen Radien, entsprechend dem Grad an Vertrautheit, um sich kreisen hat, so auch der Häftling.

Die Besonderheit beim Eingesperrten ist die gezwungene Künstlichkeit dieser Situation. Beziehungen werden nicht auf natürliche Weise aufrechterhalten, noch weniger bilden sie sich natürlich. Kein Kontakt geschieht ’nur so‘, jeder ist ein Ausnahmezustand, sei es ein beaufsichtigter Besuch oder ein zensierter Brief.

So selektiert der Unfreie im Vergleich zum Freien nicht zwischen Vertrautheitsradien – im glücklichen Fall bleibt ihm der engste Kreis überhaupt. Jedesmal, wenn dann eine Person herausbricht, ist es ein existentieller Verlust.

Wer nun den letzten Brief schrieb, lässt sich nicht mehr feststellen. Nur dass der Kontakt zu einem guten Freund abgebrochen ist, dessen freigeistig-elegante Alltagsanalysen (welcher Nichtmusiker versteht über das Spüren hinaus schon die Bedeutung Bach’scher Fugen?) und fröhlich-fatalistische Ausblicke ich sehr schätzte und nun sehr vermisse. Habe ich eine seiner offen angebotenen Diskussionsgrundlagen unter dem steten Eindruck bayerischer Strafjustiz als schwarz-braun klerikal motivierte Aufforderung zum Sühneopfer missverstanden? Bringt mich meine Paranoia, die ich als Fähigkeit, die Realität offener als andere zu erkennen, sehr achte und die hier drin durchaus ein Überlebensvorteil ist, an die Grenze konventioneller Verständigkeit?

Wenn ja, so sage mir einer: ´Sau, Du Drecksau, dürre!´

 

13. – 15.11.2015 (7)

Das Handlungsprinzip der JVA Straubing: Annullation

Ein Prinzip der JVA Straubing im Umgang mit Gefangenen ist, sie zu annullieren und zu anihillieren.

Im ersten Schritt soll das Objekt Knacki Ziel allgemeinen Vergessens werden, d.h. er wird sowohl öffentlichem als auch privatem Erinnern entzogen. So unterbindet man jeglichen (potentiell systemkritischen) Pressekontakt; dies widerspricht zwar allem geschriebenem und (höchstrichterlich) gesprochenem Recht, wird aber bis zum Bayerischen Justizministerium unterstützt.

Im Namen des jeweils, fürs etwaige Interview, angefragten Häftlings erklärt die Anstalt fehlendes Interesse. Der Betroffene wird hierüber natürlich nicht informiert. Sollte ausnahmsweise ein hartnäckiger Journalist – das Attribut ist leider nicht überflüssig – ob dieser evidenten Rechtswidrigkeit den Klageweg beschreiten, sieht er sich bayerischer Strafgerichtsbarkeit gegenüber, für die keine Begründung hanebüchen genug sein kann, die Klage abzuweisen (für Interessierte sind solche Begründungen an anderer Stelle einsehbar).

Diese Praxis existiert außerhalb Bayerns nicht, ja bereits jenseits Straubinger Stadtgrenzen weniger scharf. Im wunderschönen niederbayerischen Gäuboden allerdings hat ein Häftling keine Stimme mehr. Hier zwitschern nur die Vögel.

(Fortsetzung folgt.)

 

12.11.2015 (6)

Musikmachen!

Es gibt in einem Zuchthaus wie Straubing nicht viele Dinge außerhalb von einem selbst, die eine positive Ausstrahlung auf das Gemüt haben können.

Eines dieser wenigen Dinge ist das Musikmachen. Ein Probenraum wird abwechselnd von mehreren Gruppen bespielt, so dass man bisschen öfters als einmal in der Woche drankommt.

Unsere Band heißt ‚150 Jahre Knast‘ (offiziell: ‚Musikgruppe F‘ – ein wenig uninspiriert) und ziemlich genau so viele Jahre sind im Probenraum versammelt, nachdem der letzte hinter sich die Tür zugemacht hat.

In anderen Gefängnissen könnte man mit dieser Arithmetik eine Bigband aufbauen – in Straubing reicht´s dann für eine 5-Mann-Combo.

Tic-Tac (dr), Johann Sebastian Bass (b), Pactor und Wochenende (git) und meine Wenigkeit (ww). Die Namen dienen keinem Datenschutz, sondern sind Ergebnis purer Notwendigkeit. Ein Jazzer ohne Spitznamen wäre ja fast schon ein Popper.

Ein kurzer Ausschnitt aus einer heutigen Theoriediskussion gefällig? – ‚Das mit dem Ritardando hab ich schon kapiert, aber sag‘ mir mal bitte, wo wir langsamer werden.‘

 

11.11.2015 (5)

Mein Schweigen während des Prozesses: Kein Fehler

Bis heute wird unterschiedlich vehement mit mir diskutiert, ob es denn kein Fehler gewesen sei, im Prozess vor dem Schwurgericht München zu den erhobenen Vorwürfen geschwiegen zu haben. Beendet werden diese Kommentare vom Frage- bis zum Tripelausrufungszeichen.

Meine Gegenüber beglückwünsche ich üblicherweise von ganzem Herzen zu ihrer Ahnungslosigkeit. Denn diese offenbart, dass ihnen die Situation nur aus der Theorie des „Wer nichts zu verbergen hat, schweigt nicht“ bekannt ist.

Auf meinen konkreten Fall bezogen: Nein, es war kein Fehler, damals nicht, und wird heute, allein wegen des Ergebnisses, auch nicht zum Fehler.

Als mein Verfahren im Frühjahr 2007 losging, war ich bereits ein Jahr verknastet und hatte tiefe Einblicke in die ‚Ermittlungsarbeit‘ der Polizei und Staatsanwaltschaft erhalten. Auch das über meine Zukunft zu entscheiden habende Schwurgericht hatte ich aus verschiedenen Stellungnahmen und der Zusammenstellung der Zeugenlandungsliste kennengelernt.

Nun lernt ein Gefangener aus purer Notwendigkeit seine Rezeptionsfähigkeit an minimale Reize anzupassen; erstens gibt sein Alltag nicht mehr her, zweitens wird er ohne diese Fähigkeit ein vollkommen hilfloser Spielball der Justiz(vollzugs)behörden. Da die Wenigsten – aus verschiedenen Gründen – diese Rezeptions- mit einer Reflexionsfähigkeit verbinden, führt sich die Justiz unter anderem auf, wie sie es tut.

Aus dem, was ich schriftlich von ihm kannte, wurde erkennbar, dass dieses Schwurgericht als letztes die Wahrheit und als erstes meine Verurteilung um jeden Preis anstrebte. Vor diesem Hintergrund ist es jedoch vollkommen irrelevant, was und wie man argumentiert. Meine Erfahrung bei der Polizei zeigte, dass sich in einem Gesprächsprotokoll ganz schnell das genaue Gegenteil von tatsächlich Gesagtem finden kann. Meine Informationen vom Schwurgericht jedoch, dass es nur darum gehen würde, den Sinn meiner mündlichen (und nirgends offiziell protokollierten) Aussagen mit den Satzzeichen auf dem richterlichen Befragungsmitschriften soweit zu verschieben, bis eine Übereinstimmung mit der Anklageschrift hergestellt werden kann. Wenn ich schon durch den Kakao gezogen werden sollte, wollte ich diesen nicht auch noch trinken.

Übrigens war dies keine punktuelle Entscheidung, vielmehr Ergebnis eines ein Jahr lang dauernden Abwägungsprozesses zusammen mit meinen Verteidigern, die mich während der gesamten Phase umfassend berieten und genauso mit der Situation rangen wie ich. Meine grundsätzliche Aussagebereitschaft hatte mich schließlich mit auf den Stuhl des zu Verurteilenden gebracht.

2011 vor einer Zivilkammer des LG München konnte ich mich zum ersten Mal vor Gericht öffnen; die Vorsitzende stellte trotz rudimentärer Aktenkenntnis an jeder Stelle die richtigen Fragen.

Solch‘ eine Öffnung war vor dem Schwurgericht zu keinem Zeitpunkt möglich.

 

10.11.2015 (4)

Zahl des Tages: 5

So oft wird ein Straubinger Häftling mindestens gezählt, selbst wenn er sich den ganzen Tag nicht bewegt.

 

9.11.2015 (3)

Traurig, dass sich Lügen und bewusst gestreute Manipulationen bis heute in der Presse finden

Im Ergebnis ist es nur traurig, dass sich Lügen und bewusst gestreute Manipulationen der damaligen ‚Ermittler‘ bis heute in der Presse finden, obwohl dies nach Aktenlage und Hauptverhandlung zumindest der damals anwesenden Journaille hätte auffallen müssen: Es passt nichts.

So bin ich über das Zustandekommen durchaus empört, denn es gab weder blutige Geldscheine, noch die beschworene Schlüsselkombination in meinem Besitz – natürlich wollte mich meine Tante auch nicht enterben (geht technisch ja nicht). Ich beschränke mich auf diese Punkte, auch vom Umfang, lediglich aus aktuellem Anlass. An anderer Stelle wird sowohl hierzu als auch zu anderen passend gemachten Punkten ausführlich berichtet.

 

08.11.2015 (2)

Danke!

An dieser Stelle darf ich mich ganz herzlich vor allem bei den mir persönlich unbekannten, jahrelangen Unterstützern bedanken.

Es ist eine Sache, zu Unrecht eingesperrt zu sein, und nochmal eine andere, dies auch noch ohne Verständnis von außen. Deshalb gab und gibt mir auch jedes Eurer Worte Kraft weiterzumachen.

Sollte übrigens auch nur einer Eurer lieben Briefe unbeantwortet geblieben sein, so hat entweder er mich, oder meiner Euch nicht erreicht – und jede Wette, es lag nicht an der Deutschen Post!

 

07.11.2015 (1)

Drogenrazzia nach dem schönen Besuch

06.11.2015 – geschrieben gleich nachdem Mate und Terry mich besucht haben.

Es war ein wunderschöner, sonniger Freitagvormittag. Die von ihren Besuchen für den Rücktransport in die jeweiligen Zellentrakte wartenden Häftlinge ahnten etwas davon unter der milchglasbeschlagenen Dachluke.

Ob der Amtshund der bayerischen Justiz, der sie gleich beschnüffeln würde, „Snoopy“ hieß, wussten sie nicht – Datenschutz. Mir geschah diese Drogenrazzia zum ersten Mal, und sicher könnte man an Zufall glauben. Wenn man jedoch vom Hundeführer, ohne dass der Hund anders als bei den Übrigen reagiert hätte, zum Strippen aufgefordert wird, könnte es auch an der Feindeinwirkung gelegen haben. Immerhin war Terry gerade zu Besuch und ein besuchererlaubnisausschließender Grund für die Anstalt wäre ein Zuckerl.

Selbständig denkende Menschen, die auch noch hoheitliche Versionen hinterfragen, sind hier mehr als ungern gesehen.

Übrigens muss sich Charlie Brown getäuscht haben.

(Mate ist Mate Toth, Benedikts Bruder. Terry ist Terry Swartzberg, Campaigner.)